UNTERM STRICH: Purzelbaum in der Pendler-Hölle

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Von BZ-Redaktion

Sa, 07. Dezember 2019

Kolumnen (Sonstige)

Die japanische Eisenbahngesellschaft JR sorgt sich um ihre Fahrgäste / Von Michael Saurer.

Wer viel mit dem Flugzeug unterwegs ist, gibt nicht nur dem Klima übel einen mit, sondern auch seinem Körper. Zumindest solange er nicht in den Kreisen unterwegs ist, die in der Business-Class in den breiten Liegesitzen lümmeln.

Wer also auf den Holzbänken Platz nehmen muss, weiß, dass einem da schnell mal die Beine anschwellen, der Rücken zwickt und der Nacken steif wird. Gut, dass die Fluggesellschaften immer so gute Ratschläge parat haben, wie man dennoch auch nach zwölf Stunden dem Flieger wie einem Jungbrunnen entsteigen kann. Fast jedenfalls. Ob nun als Pappendeckel in den vorderen Sitzlehnen oder, moderner ausgedrückt, im Infotainment-System des Bildschirms – überall findet man Anleitungen für leichte Übungen, mit denen man im Fluge das körperliche Wohlbefinden im Nu steigern könne. Man solle etwa die Beine etwas strecken und mit den Zehen kreisende Bewegungen ausführen. Wie das bei gefühlt fünf Zentimetern Beinfreiheit klappen soll, das freilich wird einem nicht gesagt.

Wahrscheinlich stecken hinter derlei Tipps die gleichen Fitness-Gurus, die sich auch um das Wohlbefinden der Passagiere der japanischen Eisenbahngesellschaft JR sorgen. Sie hat, so teilt sie mit, eine App für Smartphones herausgegeben, mit der die Fahrgäste zu körperlichen Übungen in ihren Zügen angehalten werden. Diese könnten angeben, wo sie ein- und aussteigen – und schwupps berechne der Algorithmus, welche Übungen in dieser Zeit zu machen wären. Ob man einen Sitzplatz hat oder an einem der Halteringe steht, werde ebenfalls berücksichtigt.

Dass man an Letzteren auch Klimmzüge oder gar Salti wie beim Ringturnen ausführen soll, ist vermutlich nicht vorgesehen. Die JR-Züge, mit denen vorwiegend Pendler unterwegs sind, sind meistens brechend voll. "Tsukin Jigoku" ("Pendler-Hölle") nennen die Japaner sie. Und selbst die japanische Höflichkeit hätte ihre Grenzen, finge man im vollbesetzten Waggon plötzlich an, Kniebeugen zu machen oder gar Purzelbäume zu schlagen.