UNTERM STRICH: Schnaps an die Front

Stefan Hupka

Von Stefan Hupka

Mo, 23. März 2020

Kolumnen (Sonstige)

Kneipen leer, Spirituosenhersteller stellen auf Desinfektionsmittel um / Von Stefan Hupka .

Wer weiß, ob man’s noch brauchen kann. Nach diesem Motto bunkerten Beamte in Österreich 1985 viele Hektoliter beschlagnahmten Weins aus heimischem Anbau. Der war mit Diethylenglykol, einem Frostschutzmittel, von der Plörre zur Beerenauslese veredelt worden. Das flog auf, als ein Winzer aus dem Burgenland verdächtig viel von dem Zeug steuerlich absetzen wollte, obwohl er nur einen kleinen Trecker besaß. Und es wuchs sich zum großen Glykolweinskandal aus, der bis nach Rheinland-Pfalz schwappte. Als dann aber ein langer Winter kam, war man in Österreich froh und sprühte den Wein als Taumittel auf die Straßen. "Dual Use" nennt das der Zoll.

Polen macht das heute ähnlich. Die Steuerbehörden dort verwahren 430 000 Liter Wodka und schwarz gebrannten Alkohol, die bei Strafverfahren konfisziert wurden. Aber man ist nicht so ignorant wie im Amerika der Prohibition, wo man den Stoff vor 100 Jahren demonstrativ in die Gullis schüttete, um Schwarzbrenner und Schnapsnasen zu frustrieren. Denn auch in Polen bietet sich jetzt die Chance einer sinnvollen Zweitverwertung – als Desinfektionsmittel in der Corona-Krise. Feuerwehr und Krankenhäuser haben bereits mehrere tausend Liter erhalten, Polizei und Grenzschutz sollen folgen.

Auch legale Spriteure wollen sich nicht bitten lassen in diesen Zeiten – in der Beiz hockt eh keiner mehr – und haben von Rachenputzern auf Handdesinfektion umgestellt, die sie spenden, so die schottische Firma Leith Gin, Pernod Ricard aus Frankreich und sogar Texas Whiskey. Apropos Rachenputzen: Mancher unserer Home-Officer mag sich fragen, ob ein mehrmaliges Grappa-Gurgeln am Tag nicht antiviral wirken und so dem geplagten Arbeitgeber meine Arbeitskraft länger frisch halten könnte. Die Fahne riecht der ja nicht. Leider ist das keine so gute Idee. Nicht wegen der "Schreibe", Hemingway hat das auch hingekriegt. Aber antiviral, sagt der Verband der HNO-Ärzte, wirkt der Stoff erst ab 80 Volumenprozent. Damit gurgelte nicht einmal Rasputin.