UNTERM STRICH: "Schwanensee" im 19. Arrondissement

Knut Krohn

Von Knut Krohn

Di, 26. Mai 2020

Unterm Strich

Odette, Siegfried, ihr Nachwuchs und ein Nest aus Gras und Plastiktüten / Von Knut Krohn.

In Paris sorgt ein tierisches Glamour-Paar überraschend für Aufsehen. Auf dem Canal de L’Ourcq, der sich schnurgerade durch das 19. Arrondissement (Bezirk) zieht, brütet eine Schwanenfamilie. Seit in diesen Tagen die ersten Küken aus den sieben Eiern geschlüpft sind, reißt der Strom der Neugierigen nicht ab. Für viele Passanten ist die kleine Idylle in tristen Corona-Zeiten ein Lichtblick. Unter dem Gelächter der Zuschauer macht sich der tapsige Nachwuchs inzwischen dran, in Watschelschritten das künstliche Floß zu erkunden, auf dem die Eltern ihr Nest gebaut haben. "Das ist so schön", bricht es angesichts der flauschigen Baby-Schwäne aus einem Mann heraus. Auch der Bürgermeister des 19. Arrondissements, François Dagnaud, zeigt sich gerührt. Und weil Menschen dazu neigen, sympathischen Wesen Kosenamen zu geben, heißen die beiden Eltern-Schwäne nun Odette und Siegfried – eine Anlehnung an das Ballett "Schwanensee".

Für den Bürgermeister sind die brütenden Vögel ein Zeichen dafür, dass sich die Anstrengungen zur Renaturierung des Kanals lohnen. Erst im Februar war das Floß aus Schilf dort festgemacht worden. Es soll als "Hotel" für Insekten, andere Tiere und Pflanzen dienen. Anderswo und auch in der Seine seien solche Mikro-Biotope bereits getestet worden. Allerdings nimmt die Symbiose von Zivilisation und Natur auch wunderliche Wendungen. Die Elternvögel haben ihr Nest nicht nur aus Tang und Gras, sondern zum Teil aus alten Plastiktüten und McDonald’s-Verpackungen gebaut. Vertreter der Tierschutzgruppe Paris Animaux Zoopolis (PAZ) warnen zudem davor, dass Schaulustige die Vögel bei der Aufzucht stören oder Unbefugte in böser Absicht das Floß besteigen könnten. Deshalb wurde ein mannshoher Zaun errichtet, der für Abstand sorgen soll. Die Tierschützer gehen noch weiter. Sie plädieren dafür, in einem toten Seitenarm des Kanals für die in der Stadt heimischen Tiere ein Schutzgebiet abzusperren, zu dem Menschen keinen Zutritt haben.