UNTERM STRICH: Unser Mond setzt Rost an!

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Mi, 09. September 2020

Unterm Strich

Neueste Erkenntnisse der Forschung entsetzen die Romantiker / Von Michael Heilemann.

Wer eine ausgeprägt romantische Ader hat, der vergisst diese Neuigkeit am besten gleich wieder und hört sich zur Linderung seines Schmerzes Neil Youngs wunderbares Lied vom "Harvest Moon" an, in dem zwei Liebende, verzaubert vom rötlichen Schein des Herbstmondes, durch die Nacht tanzen.

Denn was US-Wissenschaftler herausgefunden haben, kann nun wirklich alle Mondsüchtigen auf den Boden irdischer Tatsachen zurückholen: Der Mond, der uns nun schon seit 4,5 Milliarden Jahren ein treuer Begleiter ist – er rostet wie ein Stück altes Eisen. Nichts anderes besagen die Daten der indischen Mondsonde Chandrayaan-1, die mittels eines Spektrometers in den lunaren Polgebieten das Eisenoxid Hämatit nachgewiesen hat.

Rost auf dem Mond: Da wir im Chemieunterricht alle aufgepasst haben, wissen wir, dass es so etwas eigentlich gar nicht geben dürfte. Unserer Trabant ist zwar reich an Mineralien, aber zur Oxidation bedarf es neben Wasser, das in flüssiger Form dort nicht existiert, auch Sauerstoff. Und dieses Gas kommt auf dem Mond, der ja keine Atmosphäre besitzt, erst recht nicht vor. Da staunt der Laie – und die Fachleute wunderten sich.

Bis sie schließlich dem Rätsel auf die Spur kamen. Womit wir bei den irdischen Tatsachen wären. Vermutlich sind Sauerstoffatome aus der oberen Erdatmosphäre bis zum Mond gelangt. Seit Milliarden Jahren hingeweht vom Sonnenwind, immer dann, wenn unser Begleiter den Schweif des Erdmagnetfelds durchläuft. Dafür spricht auch, dass die Sonde auf der erdabgewandten Seite des Mondes weniger Hämatit nachgewiesen hat.

Okay, wenn dem so ist, müssen wir als Erde uns wohl beim Mond entschuldigen. Für unseren zersetzenden Einfluss. Doch noch ist ein endgültiges Urteil nicht gesprochen. Das mit dem Rost glauben wir erst, wenn mal wieder einer zum Mond hochfliegt und ein Stück mit runterbringt. Aber da können wir noch lange warten. Tanzen wir unterdessen mit Neil Young durch die Nacht des "Harvest Moon".