Urteilsspruch gefallen

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

Sa, 27. November 2021

Müllheim

Müllheimer bekommt vom Landgericht wegen Kindesmissbrauchs zwei Jahre auf Bewährung.

. Wegen schwerem sexuellen Kindesmissbrauch in Tateinheit mit Vergewaltigung wurde ein 67-jähriger Müllheimer diese Woche vor dem Landgericht Freiburg zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldauflage in Höhe von 3000 Euro verurteilt. Das Gericht verhängte nach sechs Prozesstagen die Mindeststrafe, weil es von einer spontanen Tat ausgeht, bei der beide Tatbestände gerade so erfüllt waren.

Bei Sexualdelikten stehe fast immer Aussage gegen Aussage, sagte Richter Stefan Bürgelin im Prozess vor der Jugendkammer des Freiburger Landgerichts. Verhandelt wurde gegen einen 67-jährigen Mann aus Müllheim, der sich bei einer Familienfeier an der zur Tatzeit neunjährigen Nichte seiner Schwiegertochter vergangen haben soll. Der Angeklagte bestritt die Tat bis zuletzt. Selbst äußern wollte er sich nicht. Was wirklich geschehen ist, so Bürgelin, könne außer den beiden beteiligten Personen niemand sicher sagen. Dennoch sah das Gericht keinen Grund dafür, an den Anschuldigungen des Mädchens zu zweifeln: "Ein Freispruch war bei der klaren Aussage der Geschädigten nicht möglich", so Richter Bürgelin in seiner Urteilsbegründung am Mittwoch.

Die Aussage der Geschädigten fand zum Opferschutz unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Laut Anklage soll sich die Tat bereits 2015 ereignet haben. Bei einer Grillfeier im Garten des Angeklagten hatte die Geschädigte mit ihren Cousins Fußball gespielt, dabei war der Ball durch ein offenes Fenster in den Keller gerollt. Das damals neunjährige Mädchen wollte ihn holen. Im Keller half ihr der Angeklagte, den Ball durch das Fenster nach oben zu werfen, indem er sie hochhob. Danach wollte das Mädchen zurück in den Garten, woraufhin sie der 67-Jährige aufforderte zu warten. Dann hielt er sie fest, presste ihre Beine auseinander, fuhr mit der Hand in ihre Hose, fasste sie an der Scheide an und drang mit dem Finger in den Scheidenvorhof ein.

Bei der Urteilsverkündung sagte Richter Bürgelin, es sei für das Gericht authentisch gewesen, wie das heute 15-jährige Mädchen die Tat erzählt hat. "Das Kind ist intelligent und die Fülle an Details sprechen für einen Erlebnisbeweis." Die Aussagen der Geschädigten aus zwei Vernehmungen und in der Hauptverhandlung seien für das Gericht insgesamt glaubhaft gewesen. Zwar habe es Abweichungen gegeben – etwa Licht an oder aus, zur Oberbekleidung oder dazu, wie die Hose geöffnet wurde –, das seien aber Randgeschehen, die deshalb abweichen könnten, weil die Tat so lange her ist.

Verteidigung hat bereits Revision beantragt

Insgesamt sei alles eingetreten, was solche Verfahren so schwierig macht, sagte Richter Bürgelin: Die Tat liege nicht nur lange zurück, sie wurde auch erst spät angezeigt, war familiär aber schon lange bekannt und intern viel besprochen worden. Entsprechend präsentierte sich die Familie vor Gericht in zwei Lager gespalten: die Familie des geschädigten Mädchens und die Angehörigen des Angeklagten. "Beide Seiten haben dabei in ihren Aussagen mit Rekonstruktionen gearbeitet", so Bürgelin, der Großteil davon betraf den Tattag. Die Familie des Mädchens hatte den 12. September genannt, wahrscheinlicher war dann aber der 4. Juni. Dass dieser nicht eindeutig zuzuordnen ist, komme laut Bürgelin oft vor.

In den Zeugen der Verteidigung erkannte das Gericht eine klare Entlastungstendenz, sagte der Richter. Zeugen von Seiten der Familie des Angeklagten wollten neutral sein, waren es aber nicht. "Alle Aussagen waren geprägt von einem ’Es darf nicht sein’." Auch sonst sah das Gericht in der Strategie der Verteidigung den Versuch, die Geschädigte unglaubwürdig darzustellen. "Opferbashing", nannte es Richter Bürgelin und zählte Beispiele auf: Will sich in den Mittelpunkt drängen, ist schlecht in der Schule, fühlt sich vernachlässigt. "Wir sind dem nachgegangen", so Bürgelin, nichts davon habe sich bewahrheitet. Auch nicht der Vorwurf, die Mutter habe das Kind instrumentalisiert: "Das Kind hat sich der Mutter offenbart und hat die Tat ohne Wissen der Mutter angezeigt", so Bürgelin.

Der Staatsanwalt und die Anwältin der Nebenklage hatten für den Angeklagten eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten gefordert, die Verteidigung den Freispruch. Die verhängte Mindeststrafe von zwei Jahren, die noch auf Bewährung ausgesetzt wird, begründete Bürgelin damit, dass das Gericht von einer spontanen, einmaligen Tat ausgeht. Nichts deute darauf hin, dass sie sich wiederholen könnte. Für ein mildes Urteil sprach auch, dass der Angeklagte keine Vorstrafen hat und die Tat nur wenige Sekunden lang dauerte. Dennoch seien beide Tatbestände erfüllt und eindeutig im niederschwelligen Gewaltbereich. Außerdem erhält der Angeklagte eine Geldauflage in Höhe von 3000 Euro an den Freiburger Verein Wildwasser, der Opfer von sexuellem Missbrauch berät.

Sichtlich überrascht waren der Angeklagte und seine Angehörigen von diesem Urteilsspruch. Auch Verteidigerin Hanna Palm sagte am Freitag auf Nachfrage, sie war entsetzt über das Urteil: "Wir haben bereits Revision beantragt."