Corona-Pandemie

Veranstalter in der Krise: Verwirbelungen und tiefe Einschnitte

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Von Jannik Jürgens, Sebastian Krüger, Manfred Frietsch & Andrea Gallien

Mo, 22. Juni 2020 um 15:10 Uhr

Merzhausen

Absagen, verschieben, nachholen: Wie Veranstalter in der Region mit den Auswirkungen der Corona-Regelungen auf ihre Programme umgehen – die Breisgau-Redaktion hat nachgefragt.

Kultur- und Bürgerhaus

600 Veranstaltungen im Jahr – im Kultur- und Bürgerhaus in Denzlingen ist eigentlich immer etwas los: Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, aber auch Hochzeiten und Businessveranstaltungen finden hier die gewünschten Räumlichkeiten. "Wir mussten alles auf Null fahren", sagt Geschäftsführer Thomas Hörnisch, der auf die Frage nach den finanziellen Verlusten von einem niedrigen fünfstelligen Betrag spricht – jeden Monat. 60 Menschen arbeiteten im Veranstaltungshaus und dem angeschlossenen Restaurant. Den Großteil musste er in Kurzarbeit schicken.

Auf Verwaltungsebene gab es dennoch jede Menge zu tun. Veranstaltungen wurden storniert, andere verschoben. Anfangs habe täglich mit Künstlern und privaten Veranstaltern telefoniert. Jetzt, nachdem die Auflagen für Veranstaltungen gelockert wurden, spreche er täglich mit Behörden und Anwälten. "Die Verordnungen sind sehr uneinheitlich. Im Prinzip müssen wir jeden Einzelfall überprüfen." Zunächst werde zwischen privaten und öffentlichen Veranstaltungen unterschieden, aber schnell gehe es ins Detail. Hochzeiten würden anders bewertet als Parteiveranstaltungen, zu denen sogar 300 Menschen kommen könnten, wenn sie sich auf mehrere Räume verteilen. Zu Kulturveranstaltungen hingegen dürften nicht mehr als 100 Besucher kommen. "Da stellt sich für die Künstler dann oft die Frage, ob es sich überhaupt rentiert und ob sie die Ticketpreise erhöhen müssen", sagt Hörnisch. Denn normalerweise besuchten 500 bis 800 Leute die Veranstaltungen im Kultur- und Bürgerhaus, das – so viel sei sicher, sagt Hörnisch – am heutigen Montagabend in der Nights of Light rot erleuchtet sein wird. "Außer es gibt einen Stromausfall."

Klimperstube March

In der Klimperstube unweit des Hugstetter Bahnhofs wurde es Mitte März schlagartig ruhig. Die Probenräume für Bands und Einzelmusiker blieben lange unbespielt. Und die Wohnzimmerkonzerte, die durch Europa tingelnde Singer/Songwriter und Bands gerne in ihren Tourplan einbauten, fallen seitdem total aus. Doch die Grundfinanzierung durch die Beiträge der mehr als 60 aktiven Musiker sowie der passiven Mitglieder stehe, sagt Daniel Barth vom Vorstand des Trägervereins. Auch fest vergebene Nutzungszeiten der drei Proberäume würden weiter bezahlt, selbst wenn viele Proben ausfallen mussten. Aber hier ist langsam wieder Musik drin: Anfangs gab es Einzelproben, inzwischen auch solche zu zweit oder in kleinen Gruppen, so wie es die mittlerweile gelockerten Corona-Regeln wieder zulassen. Für deren Einhaltung trage jeder Musiker die Verantwortung.

Der Ausfall der Konzerte treffe vor allem die Musiker, die nicht nur in March ihre Auftritte absagen mussten. Von Juli bis August sei in der Klimperstube ohnehin Konzertpause, erklärt Barth. Ab September hofft er, dass die dafür längst gebuchten Konzerte wieder möglich sein werden. Nur rechne man damit, dass die Besucherzahl von unter hundert vor Corona deutlich reduziert werden müsse. Da kein fixer Eintritt verlangt wird, sondern immer der Hut rum geht, hat es dann das Publikum in der Hand, ob es es sich für die Musiker rechnet. "Die haben ja ihre Fixkosten, wenn sie touren, Corona ist für sie wirklich nicht schön", weiß Barth. Livemusik aus der Klimperstube wird es im Juli dennoch geben: Online übertragen innerhalb der Reihe "In Freiburg zuhause", die von der Stadt finanziell gefördert wird.

Veranstaltungstechnik

Seit rund elf Jahren gibt es das Unternehmen Veranstaltungstechnik Raphael Kunz in Ehrenkirchen. In den vergangenen Wochen wurde es bekannt durch das Autokino auf dem Batzenberg und im Gewerbepark Breisgau. Wenn das Publikum es wünsche, könnte es Fortsetzungen geben, sagt Raphael Kunz, vielleicht im Juli noch mal auf dem Batzenberg. Er weiß es noch nicht. "Wir müssen Geld verdienen, wo es geht", sagt Kunz, und im Moment geht nicht viel. Er spricht von einer "Umsatzreduzierung auf null Prozent – ein tiefer Einschnitt". Dank der Soforthilfe durch den Staat und das Kurzarbeitergeld komme sein Unternehmen gerade so hin. Sein Dank gilt der Bundesregierung und seine Hoffnung richtet sich auf ein geplantes zweites Soforthilfeprogramm, "das würde uns dann drei Monate weiter helfen". Bis dahin will Kunz in seinem Unternehmen Kosten reduzieren, so viel es geht, die beiden Festangestellten Mitarbeiter bleiben in Kurzarbeit. Hilfskredite zu beantragen, sei zwar möglich, aber riskant, sagt Kunz, er wisse ja nicht, wie es weiter gehe, "und irgendwann muss man das Geld ja zurückzahlen". Derzeit hangele er sich von einem Tag zum anderen. "Bis zum Ende des Jahres kommen wir hin", sagt er. Und: "Es bringt nix, sich verrückt zu machen", aber wenn auch die Weihnachtsfeiern wegfallen sollten, dann werde es wirklich kritisch.

Gemeinde Merzhausen

"Corona sorgt für erhebliche Verwirbelungen", sagt Reinhard Vogt, der bei der Gemeinde Merzhausen arbeitet und sich um die Vermietung des Forums kümmert. Normalerweise nehme die Gemeinde zwischen 80 000 und 100 000 Euro Miete im Jahr ein. Durch die Corona-Krise werde es in diesem Jahr wohl nur die Hälfte sein. Doch weil die Gemeinde hinter dem Forum stehe, sei es nicht gefährdet. "Wir unterstützen die Aktion, um auf die Not der Kulturbranche aufmerksam zu machen", sagt Vogt. Vor großen Probleme ständen nun Vereine, die als Veranstalter das Forum mieten. Der Verein Forum Jazz etwa, bei dem Vogt ehrenamtlich im Vorstand ist. Normalerweise organisiert der Verein acht bis zehn Veranstaltungen pro Jahr. Für einige Konzerte habe der Vorverkauf bereits begonnen – und sei dann in der Corona-Pandemie gestoppt worden. Trotzdem seien Verträge mit den Bands abgeschlossen. Ein Konzert, das im März hätte stattfinden sollen, ist auf November verlegt. Doch wenn dann die Abstandsregelung noch gelte, könne man es nicht umsetzen. Denn es seien bereits mehr mehr Tickets verkauft worden, als Menschen mit Abstand ins Forum passten. Anderes Beispiel: Die britische Band Theon Cross hätte zwar nach Merzhausen kommen können, aber nach der Wiedereinreise in Großbritannien erst einmal zwei Wochen in Quarantäne gemusst. Deswegen habe man das Konzert abgesagt. Und auch in Deutschland gebe es große Unterschiede. So berichtet Vogt von einem Band-Agenten, der ihm berichtet habe, dass in Nordrhein-Westfalen mittlerweile die Abstandsregelungen bei Konzerten mit festen Sitzplätzen nicht mehr gelten. Bedingung sei, dass weniger als 100 Menschen anwesend seien und Listen zur Kontaktnachverfolgung auslägen.

Bolando Kulturverein

"Wir als Kulturverein erwirtschaften keinen Gewinn und sind daher finanziell nicht betroffen, uns liegt aber die Förderung der Kultur am Herzen. Jetzt erleben wir als Veranstalter hautnah, was Absagen für die Künstler bedeuten", sagt Sandra Klein-Gißler, Vorsitzende des Bolando Kulturvereins. Geplante Auftritte mehrerer Bands habe man auf das kommende Jahr verschieben müssen. Auch das Jubiläumswochenende zum zehnjährigen Bestehen vom Gasthaus Bolando ist abgesagt. Die dort engagierten Künstler kamen aus der Region, ihnen will der Verein die Gage bereits jetzt zahlen, der Auftritt, wird dann zum Elfjährigen nachgeholt. Überhaupt will der Verein beim Programm 2021 ein Augenmerk darauf legen, vor allem Künstler aus der Region zu verpflichten, um diese besonders zu unterstützen. Der erste Termin der Sommerbühne am 4. Juni ist auf Ende Juli verschoben, ansonsten will der Kulturverein das Programm ab 9. Juli aber durchziehen – unter Einhaltung der Auflagen und wahrscheinlich ohne Auftritte mit Gesang – zumindest nicht im Gasthaus. Vielleicht sind Open-Air-Auftritte im Freien vor dem Milchhäusle möglich. Das soll noch geklärt werden. "Wir wollen auf jeden Fall versuchen, den Künstlern einen Auftritt zu ermöglichen", so Klein-Gißler, die auf ein spendables Publikum hofft, wenn das Pappmaché-Schwein durch die Zuschauerreihen geht. "Wir werden uns dafür stark machen, dass möglichst viele Scheine in der Bolando-Sau landen".