Serie "Was wir glauben" (2)

Die Vermessung des Glaubens

Ulrich Schnabel

Von Ulrich Schnabel

Mi, 17. August 2011 um 11:59 Uhr

Panorama

Hirnforscher können religiöse Erlebnisse sichtbar machen. Auch andere Wissenschaftler untersuchen das Phänomen – ihre Ergebnisse polarisieren. Und was meinte Martin Luther mit der Sünde des "In-sich-verkurvt-Seins"?

Vor einigen Jahren kam es in der rumänischen Stadt Timisoara zu einem kuriosen Prozess: Ein Mörder wollte Gott vor Gericht verklagen. "Während meiner Taufe bin ich einen Vertrag mit dem Beschuldigten eingegangen, der mich vor dem Bösen bewahren sollte", schrieb Mircea Pavel in seiner Klageschrift. Doch Gott habe seinen Teil dieses Vertrags nicht eingehalten; deshalb müsse er, Pavel, nun eine zwanzigjährige Haftstrafe absitzen. Dafür wollte er "den genannten Gott, wohnhaft im Himmel und in Rumänien vertreten durch die orthodoxe Kirche", haftbar machen. Das Gericht zeigte sich allerdings wenig beeindruckt. Gott sei keine juristische Person und habe nicht einmal eine Adresse, argumentierte die Staatsanwaltschaft. Die Klage wurde deshalb postwendend abgewiesen.

Der Fall verdeutlicht, dass Verpflichtungen im religiösen Bereich stets nur vom Menschen ausgehen können, niemals jedoch vom Gegenstand des menschlichen Glaubens. Gott gibt keine Garantie, er unterliegt nicht der Logik eines Gebrauchtwagenhändlers. Niemand kann ihn für ausstehende Leistungen haftbar machen oder ihm unterlassene Lieferungen in Rechnung stellen. Letztlich kommt es auf das Verhalten der Gläubigen an.

Zu einem ähnlichen Schluss gelangen auch alle wissenschaftlichen Studien, die sich mit Religion beschäftigen. Denn die Realität des Religiösen ist – anders als viele Dinge unseres Alltags – eben nicht materieller, sondern geistiger Natur. Und das bedeutet, dass man dieses Phänomen nicht unabhängig vom jeweiligen Denken und der Kultur der Gläubigen erforschen kann. Man könnte auch sagen: Welche Realität ein Begriff wie "Gott" (oder "Allah" oder das "Nirvana") annimmt, hängt stets von uns selbst ab.

Das zeigt etwa eine Studie des Psychologen Sebastian Murken. In einer onkologischen Klinik in Bad Kreuznach untersuchte er Brustkrebspatientinnen und stellte fest: Eine ...

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