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Ostalgie

Viele DDR-Plattenbauten sind ein Fall für den Denkmalschutz

  • David Hutzler (dpa)

  • Mi, 15. Mai 2024, 20:00 Uhr
    Panorama

     

Sie waren Wohnhighlight und sozialistischer Städtebautraum. Aber auch oft Sanierungsfall. Inzwischen sind alte DDR-Plattensiedlungen auch für den Denkmalschutz ein Thema. Das hat Folgen.

Platte mit Kunst – das Haus in Gera steht unter Denkmalschutz.  | Foto: Martin Schutt (dpa)
Platte mit Kunst – das Haus in Gera steht unter Denkmalschutz. Foto: Martin Schutt (dpa)
So richtig verstehen will Angela Langwald das Schreiben nicht, das ihrer Wohnungsbaugenossenschaft jüngst ins Haus flatterte. Sechs Millionen Euro waren für die Sanierung von 150 Wohnungen in Gera eingeplant. Ein Außenaufzug, Südbalkons, moderne Grundrisse, solche Dinge. Doch seit Anfang des Jahres stehen die beiden Häuser in der thüringischen Stadt unter Denkmalschutz. Eines davon sei ein Rundbau, das sei noch eher verständlich, so die Chefin der Genossenschaft. Aber das angrenzende Haus? "Das ist eine typisch graue Waschbetonplatte. Wir wollten sie eigentlich anmalen. Aber jetzt bleibt sie so."

Alleine zwischen 1970 und 1990 sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR laut Statistischem Bundesamt 1,9 Millionen Wohnungen neu gebaut worden. Der Großteil davon in typisierter Plattenbauweise in großen Wohnsiedlungen an den Stadträndern. Heute sind viele Wohnungen nicht mehr auf der Höhe der Zeit und bereits saniert oder sanierungsbedürftig. Für Denkmalschützer bedeutet das: Der Originalbestand, der auch Zeugnis der DDR-Alltagskultur ist, droht zu verschwinden.

"Jetzt geht es um die letzten Exemplare" Mark Escherich

Dass industrialisierte Alltagsarchitektur aus DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt wird, ist zwar kein neues Phänomen, wie der Bauhistoriker Mark Escherich erklärt. Der zweite Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee in Berlin sei etwa schon 1990 – damals noch auf DDR-Initiative – als Ensemble unter Schutz gestellt worden. Auch in Rostock, Berlin, Neubrandenburg oder Dresden stehen denkmalgeschützte Wohnkomplexe. Nach der Wende hätten sich die Denkmalschützer aber zunächst auf die Rettung der Altstädte fokussiert. Lange Zeit seien nur ikonische Bauwerke aus der Nachkriegszeit in die Denkmallisten eingetragen worden. Inzwischen seien aber immer weniger Objekte im Originalzustand. "Jetzt geht es um die letzten Exemplare", sagt Escherich, der seit 2021 auch die Denkmalschutzbehörde in Erfurt leitet.

Ähnliches berichtet sein Kollege Klaus Jestaedt vom Amt für Denkmalpflege in Leipzig. Lange Zeit seien die Großplattensiedlungen ab den 1970er-Jahren nicht im Fokus der Denkmalpflege gestanden. Vor 30 Jahren sei es noch undenkbar gewesen, solche Bauten unter Schutz zu stellen. Heute sei die Akzeptanz aber deutlich höher: "Das hat auch etwas mit "Ostalgie" zu tun und damit, dass DDR-Themen gerade ein bisschen gehypt sind."

Manche wollen DDR-Bauten wertschätzen

Die Landesdenkmalämter berichten von steigender Akzeptanz, Bürgerinitiativen setzen sich für den Erhalt ihres Wohnumfelds ein. Das Thüringer Landesdenkmalamt berichtet von positiven Rückmeldungen, "dass endlich die bauliche und architektonische Leistung der Bürger der ehemaligen DDR eine entsprechende Wertschätzung erfährt und differenzierter betrachtet wird". Es gebe aber auch kritische Stimmen.

Eine solche Stimme ist Frank Emrich, der Geschäftsführer des Verbands Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Er könne verstehen, dass man historische Entwicklungen für künftige Generationen sichtbar machen wolle. "Es gibt auch Fassadengestaltungen, die das wirklich wert sind." Ein Beispiel sei eine Giebelfassade mit einer aufgehenden Sonne in Gera. Insgesamt stünden etwa fünf Prozent der 265.000 Wohnungen, für die der Verband steht, unter Denkmalschutz.

Meistens geht es um die Außengestaltung

Aber er beobachte mit Sorge, dass der Denkmalschutz nun vermehrt große Wohnblöcke in den Blick nehme. "Das ist eine neuere Entwicklung. Und das findet in der Regel dann statt, wenn man irgendetwas an dem Gebäude machen will und es einen Bauantrag gibt." Emrich spricht von einem Zielkonflikt: zum einen werde Klimaneutralität gefordert, energetische Sanierungen, Wärmedämmung, Barrierefreiheit und vieles mehr. "Aber wie sollen wir das machen, wenn jetzt auch noch der Denkmalschutz kommt?" Am Ende litten auch die Mieter, wenn sie etwa höhere Heizkosten als eigentlich nötig bezahlen müssten.

Denkmalpfleger Escherich möchte solche Bedenken ein Stück weit ausräumen. "Es geht in den meisten Fällen um Denkmalensembles und die groben städtebaulichen Merkmale: die Fassadenbilder, Kubaturen, Freiflächen und Gartenanlagen." Auch eine äußere Wärmedämmung sei in so einem Zusammenhang noch machbar, sofern die Außenansicht nicht zu sehr leide. In seltenen Fällen gehe es um Einzeldenkmale, bei denen auch die Innengestaltung unter Schutz steht.

Auch bei den beiden Wohnblöcken in Gera, die eigentlich saniert werden sollten, geht es laut Landesdenkmalamt vor allem um die Außenansichten. Ein Innenaufzug sei denkbar, veränderte Grundrisse – bis auf in einer Musterwohnung – auch. Den plant nun auch die Genossenschaft vor Ort. Wärmedämmung sei ohnehin kein Thema, weil die Platten noch eine gute Kerndämmung hätten, so Chefin Langwald. Aber in Städten wie Gera, wo alles andere als Wohnungsnot herrscht, gehe es auch um Wohnkomfort. Schon jetzt stehe die Hälfte der Wohnungen leer. "Wenn wir gar nichts machen, haben wir ein leeres Denkmal da stehen."

Ressort: Panorama

  • Artikel im Layout der gedruckten BZ vom Do, 16. Mai 2024: PDF-Version herunterladen

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