Radprofi Clara Koppenburg

"Vielleicht komme ich stärker und mit neuen Kräften zurück"

Uwe Rogowski

Von Uwe Rogowski

Mi, 21. Juli 2021 um 20:32 Uhr

Radsport

Ein schwerer Sturz beim Giro d’Italia der Frauen reißt Clara Koppenburg aus ihrer Bestform. Die Lörracherin kann wohl erst wieder im Oktober auf das Rad. Wie verarbeitet sie diesen Rückschlag?

Es ist nicht ihr Jahr. Erst wurden andere für Olympia vorgezogen, dann ein schwerer Sturz beim Giro d’Italia. Im Interview mit Uwe Rogowski spricht Radprofi Clara Koppenburg (25) aus Lörrach über Sprachbarrieren im Krankenwagen und warum sie Hoffnung auf eine gestärkte Rückkehr hat.

BZ: Frau Koppenburg, wie geht es Ihnen?
Koppenburg: Naja, es geht. Ich bin mittlerweile in besten Händen, bin in Basel im Spital. Heute, Donnerstag, werde ich operiert. Es dauert wahrscheinlich noch ein paar Wochen oder Monate, bis ich wieder aufs Rad darf.

BZ: Sie waren 22. der Gesamtwertung beim Giro, zweitbeste Deutsche. Was ist passiert?
Koppenburg: Es war die vorletzte Etappe, mit einer Bergankunft. Das war eigentlich etwas für mich. Ich wollte unbedingt nochmal gut fahren. Ich war auch ganz vorne dabei. Dann sind wir in die Abfahrt rein, ich an dritter oder vierter Stelle, doch die Straße war schmal, mit viel Schotter, ständig Wechsel Schatten und Sonne. Und die Fahrerin vor mir hat sich bei ihrem Bremsweg wohl etwas verschätzt, dann konnte ich nicht mehr reagieren, musste wie sie eine Vollbremsung machen, die Räder haben sich ineinander verkeilt, und dann hat es mich über meinen Lenker nach vorne geschleudert.

BZ: Das Schlüsselbein?
Koppenburg: Ist gebrochen. Ich habe ein paar Brüche, hatte auch eine Gehirnerschütterung. Schon beim Aufprall habe ich gemerkt, "nein, diesmal komme ich nicht so glimpflich davon". Ich habe mich grad noch von der Straße gerettet, weil ich wusste, es kommen jetzt gleich 100 Fahrerinnen. Dann habe ich dort liegend auf den Krankenwagen gewartet.

BZ: Das hat gedauert?
Koppenburg: Ja, das war nicht so schön. Hinter dem ganzen Feld war nur ein Krankenwagen, ich bin dann endlich eingeladen worden, doch die Fahrt ging ewig. Ich lag auf der Pritsche, hatte Schmerzen, es war heiß und ich hab’ dann immer wieder gefragt, wann wir da sind, die konnten aber kein Englisch, haben mir immer nur nett zugenickt. Es hat sich herausgestellt, dass dieser eine Krankenwagen hinter der letzten Fahrerin des Feldes herfahren musste, das ging anderthalb Stunden und dann waren es nochmal zweieinhalb ins Krankenhaus. Es war grauenhaft, eine schlimme Erfahrung. Im Krankenhaus dann erst Coronatest, irgendwann Röntgen, nachts um zwölf war ich auf dem Zimmer.

"Ich bin aus 100 Prozent fit und meiner Höchstform herausgerissen worden."

BZ: 2020 hatten Sie auch einen Sturz, aber das ist kein Vergleich.
Koppenburg: Ich war noch nie in dem Ausmaß verletzt. Ich bin aus 100 Prozent fit und meiner Höchstform herausgerissen worden. Seitdem liege ich praktisch nur auf dem Rücken. Ich kann nicht alleine aufstehen, nichts alleine tun. Es ist erstaunlich, zu erleben, wie schnell der Körper abbaut und man vergisst, welche Muskeln man anspannen muss, nur um mal den Fuß zu heben.

BZ: Wie geht es vorerst weiter?
Koppenburg: Nach der OP werde ich wohl noch zwei Wochen im Krankenhaus sein, danach Reha. Vielleicht kann ich ab Mitte Oktober wieder draußen auf das Rad und langsam wieder anfangen.

"Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken."

BZ: Das alles, nachdem es schon mit der Olympia-Nominierung wider Erwarten nicht klappte. Es ist nicht Ihr Jahr.
Koppenburg: Schon wieder. Letztes Jahr löste sich unser Team auf. Ich hatte einen Sturz vor Strade Bianche, musste einen Tag vorher abreisen. Und dann wurden uns direkt beim nächsten Rennen am Tag vor dem Start sämtliche Räder geklaut. Andererseits habe ich gelernt, wie ich mit Rückschlägen gut umgehe. Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Je schneller ich die Situation annehme und motiviert an mir arbeite und die Reha jetzt gut durchziehe, wird sich alles wieder einrenken.

BZ: Und nächstes Jahr...
Koppenburg: ... geht es hoffentlich nur aufwärts. Wer weiß: Ganz viele Athleten haben sich nach so einem Sturz und einem körperlich kompletten Break gut berappelt, waren danach im Kopf wieder total frisch. Vielleicht komme ich stärker zurück, habe wieder neue Kräfte und neue Motivation gesammelt und werde die Saison meines Lebens fahren. Und dann kommt man vielleicht auch nicht mehr um mich herum, wenn es um Nominierungen zum Beispiel für Olympia geht.

BZ: Ihr Vertrag beim US-Team Rally Cycling läuft aus. Wie ist der Stand?
Koppenburg: Ich bin in guten Verhandlungen, ich bin im Grunde schon sicher für nächstes Jahr. Von der Atmosphäre bei Rally Cycling habe ich mich wohlgefühlt, aber das Leistungsniveau hat nicht in dem Maß gestimmt. Ich war immer auf mich allein gestellt. Ich habe gemerkt, dass das Team an seine Grenzen kommt und ich mich nicht wirklich weiter entwickle.

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