"Vom Schwarzwaldhaus lernen"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 09. November 2020

Haus & Garten

INTERVIEW mit Roland Schöttle, Geschäftsführer des Naturpark Südschwarzwald, über den neuen Verein Bauwerk Schwarzwald und dessen Ziele.

Walmdach mit neuem Gesicht? Als Kompetenzzentrum für Schwarzwälder Architektur, Handwerk und Design wurde im Juli 2020 der Vere

in Bauwerk Schwarzwald ins Leben gerufen. Den Gründungsprozess hat der Naturpark Südschwarzwald getragen. BZ-Mitarbeiterin Anita Fertl hat mit Geschäftsführer Roland Schöttle über die Nachhaltigkeit der Schwarzwälder Bauweise gesprochen.

BZ: Herr Schöttle, was erhoffen Sie sich von der Initiative: Viele kleine Einfamilienhäuser mit Walmdach?
Schöttle: Wir erhoffen uns, dass wir zusammen mit den Vereinsmitgliedern – das sind Kommunen, Landkreise und das Land, aber auch Handwerksbetriebe, Unternehmen aus der Bauwirtschaft und Architekten – ein Bewusstsein schaffen für den Wert einer regionalen Baukultur. Bauwerk Schwarzwald möchte hier eine Bewusstseinssteigerung herbeiführen und zielt vor allem auf das Herz ab, den Stolz auf die Heimat. Für viele, die den Schwarzwald lieben, ist das Schwarzwaldhaus ein Symbol für die Landschaft, die Menschen, den Wald. Ähnlich wie das Freiburger Münster für die Stadt.

BZ:
Sozusagen der Bollenhut der Architektur.
Schöttle: Der Bollenhut ist weltbekannt. Seine teilweise aggressive Vermarktung kann man durchaus kritisch sehen. Einerseits ist es richtig, ihn als Botschafter zu benutzen, um kulturelle Identität zu vermitteln. Andererseits sehen wir aber auch viel Kitsch. Um jetzt wieder auf das Einfamilienhaus mit Walmdach zurückzukommen: Dieses Bild haben wir so nicht im Kopf.

BZ: Sondern?
Schöttle: Baukultur lebt von Landschaftsbezügen. Sie ist dynamisch und erneuert sich ständig, getrieben von neuen Nutzungsanforderungen, die von innovativem Handwerk und kreativen Planern umgesetzt werden. Dazu gehört auch, dass wir heute mit einer viel größeren Auswahl an Baustoffen arbeiten. Wir wollen eine moderne Architektursprache ausgehend vom Schwarzwaldhaus entwickeln. Ziel ist, dass bei Menschen, die an den Schwarzwald denken, wie beispielsweise bei der Toskana ein Kopfkino angeht. Landschaft, Siedlungen und Gebäude befinden sich in Harmonie und wechselseitiger Beziehung. Der Häuslebauer schätzt diese Symbiose und orientiert sich zukünftig automatisch an der Umgebung. Nicht schablonenhaft – Architektur entwickelt sich aus dem zeitgemäßen Bedarf, nimmt auch handwerkliche Fähigkeiten und Rohstoffe aus der Umgebung auf und versucht, diese natürlich ein- und umzusetzen.

BZ: Sind alte Handwerkskunst und hiesige Materialien erschwinglich?
Schöttle: Grundsätzlich ja. Wir müssen zukünftig auch aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten in längeren Lebenszyklen rechnen. Auch industrielle Produktionsstrukturen können die Wirtschaftlichkeit unterstützen. Heute können in Serienproduktionen pfiffige Elemente aus diesen alten Schwarzwaldhäusern übertragen werden, ohne dass die Individualität des Einzelhauses verloren geht. Basis bleiben aber sicherlich unsere Handwerksbetriebe im Südschwarzwald, die sich zunehmend zu Baugemeinschaften zusammenfinden und dem Bauherrn ein attraktives Angebot aus einer Hand anbieten können.

BZ: Inwiefern ist die Schwarzwälder Bauweise klimafreundlich?
Schöttle: Wir nutzen Rohstoffe, maßgeblich das Holz, aber auch Steine aus der Region, bei denen die Transportwege kurz sind. Bei Holz wird zudem CO2 fixiert, auch in Dämmstoffen, die hier im Schwarzwald hergestellt werden.

BZ: Zum Beispiel?
Schöttle: Holzfaserdämmplatten, die zwischenzeitlich sehr stark in der Dachdämmung eingesetzt werden. Das ist ein wunderbares ökologisches Material, das am Ende seines Lebenszyklus kompostiert werden kann – ein echtes Naturprodukt.

BZ:
Was können wir in Sachen Nachhaltigkeit noch vom Schwarzwaldhaus lernen?
Schöttle: Den sparsamen Ressourceneinsatz. Denn beim Schwarzwaldhaus braucht es vergleichsweise wenige Kubikmeter Holz, um das Volumen eines großen Schwarzwaldhofs herzustellen. Immer wieder beeindruckt bin ich auch von Holzschiebefenstern ohne Dichtungen, wie man sie im Vogtsbauernhof sehen kann. Die Dämmwerte sind erstaunlich. Wenn wir unsere handwerkliche Kompetenz einsetzen und weiterentwickeln, wenn wir das alte Wissen in die Ausbildung unserer jungen Handwerker und Studenten einbauen, dann schaffen wir die Brücke zwischen gestern und morgen.

BZ: Wie kann das gelingen?
Schöttle: Die Wiederverwendung von Rohstoffen, auch "urban mining" genannt, gewinnt zunehmend an Bedeutung. Interessant ist etwa der Sumhofspeicher im Kinzigtal. Es handelt sich um einen 400 Jahre alten Kornspeicher, der bereits zum dritten Mal an eine andere Stelle versetzt worden ist und jedes Mal wieder mit Anpassungen zusammengebaut wurde. Auf heute übertragen heißt das: Wir müssen die Häuser so denken, dass Elemente von ihnen ausgetauscht und weiterverwendet werden können. Wichtig ist, dass Baustoffe so verbaut sind, dass sie auch später wieder verwendet werden können. Da können wir in Sachen Nachhaltigkeit noch einiges vom Schwarzwaldhaus lernen.