VON HERZEN: Mann, oh Mann, war das alles?

Michael Heilemann

Von Michael Heilemann

Sa, 19. Dezember 2020

Kolumnen (Sonstige)

Eigentlich könnte es gut sein jetzt, so mit 40 oder 50 Jahren: Ehe, Familie, Job – alles stimmt. Man scheint angekommen in seinem Leben. Doch dann kommt für viele Männer der Absturz, mal plötzlich, mal auf leisen Sohlen. Sie ist da, die Midlife-Crisis. War das wirklich alles? Wartet da nicht noch etwas auf mich, etwas Größeres? Fragen, die sich aufdrängen, gerade wenn das Alter anklopft mit seinen Beschwerden und die Einsicht dämmert, dass die eigene Existenz nicht unendlich ist. Fragen, die Mann gerne verscheucht, sich vielleicht in eine Affäre mit einer 25-Jährigen flüchtet oder bis zur Lächerlichkeit den jungen Wilden markiert. Bis ihn die Krise doch wieder einholt. "Dann hilft es dem Mann, wenn er sich öffnet für die Sinnfragen des Lebens. Wenn er Gefühle wie Schmerz und Trauer zulässt und seine Grenzen anerkennt", sagt Peter Wulf, Therapeut im Freiburger Männerbüro. "Viele Männer müssen das erst lernen." Ein erster Schritt auf diesem Weg ist es, sich zu akzeptieren, wie man ist. Ein nächster, sich mit Geschlechts- und Leidensgenossen auszutauschen. "Das kann die Dinge wieder in Fluss bringen", sagt Wulf, der seit vielen Jahren Männergruppen anleitet. Jede Krise brauche ihre Zeit. "Und wenn man zwei Jahre später zurückblickt, sagt man, wow, da ist was passiert, da ist was gewachsen."