Corona-Lesergeschichten

Von meiner sterbenden Oma konnte ich mich nicht verabschieden

Dora Schöls

Von Dora Schöls

Sa, 16. Mai 2020 um 11:41 Uhr

Panorama

Meine Großmutter ist nicht an Covid-19 gestorben, aber in der Corona-Krise. Ich durfte sie nicht besuchen, nicht einmal zur Beerdigung konnte ich. Aber immerhin war sie nicht allein bei ihrem Tod.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreibt Dora Schöls, 27 Jahre, aus Freiburg. Sie ist Volontärin bei der Badischen Zeitung.

Nicht das Haus anzünden und nicht lügen. Das hat meine Oma bei jedem Besuch gesagt: Sonst durfte ich in ihrem großen Haus alles machen. Am 21. März ist sie gestorben. An einer Lungenentzündung. Nicht an Covid-19, aber voll in der Corona-Krise. Und ich konnte mich nicht verabschieden.

Bei ihr gab es immer Erdbeeren mit Kondensmilch und Kartoffeln mit zu viel Butter. Im Urlaub an der Nordsee gab es Kakao bei ihr und Opa im Bett. Als Opa nicht mehr da war, habe ich sie jeden Sonntag angerufen. Ach, es ist ja Sonntag, hat sie dann immer gesagt. Ganz überrascht, als hätte sie nicht schon den ganzen Tag auf meinen Anruf gewartet. An ihrem letzten Sonntag konnte sie schon nicht mehr telefonieren.

Sie lag in einem Krankenhaus in Norddeutschland und durfte keinen Besuch bekommen. Nur ihre Töchter durften am Ende zu ihr. Sie hätte genau verstanden, dass man sie so vor dem Virus schützen wollte. Wäre sie noch ganz bei Verstand gewesen. Sie war Ärztin. Kurz vor ihrem Tod bekam sie noch einen Brief von der Ärztekammer. Sie solle sich bereit halten, es würden bald viele Ärzte gebraucht. Da war sie schon selbst in ärztlicher Behandlung.

Und dann konnte ich nicht einmal zu ihrer Beerdigung. Aus der Familie durften nur vier Menschen dabei sein, mit Totengräbern und Pastor wären es sonst zu viele gewesen. Ich konnte meine Mutter nicht in den Arm nehmen, die gerade ihre Mutter verloren hatte. Das war für mich das schwerste, dass ich ihr nur übers Telefon Trost spenden konnte. Es bestenfalls versuchen.

Trotz allem kann ich sagen: Ich bin dankbar, dass meine Großmutter ziemlich zu Beginn dieses ganzen Wahnsinns gestorben ist. Dass sie nicht wochenlang in ihrem kleinen Zimmer im Seniorenheim liegen musste, ohne jeden Besuch. Und ich glaube, sie ist glücklich gestorben. Ihre Tochter war bei ihr. Niemand hat sie belogen. Und niemand hat das Haus angezündet.

Erzählen auch Sie uns Ihre Corona-Geschichte!

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichten schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Corona-Geschichte. Schicken Sie den Text (gerne mit Foto) per Mail an lesergeschichten@badische-zeitung.de. Einsendeschluss ist Sonntag, 7. Juni 2020.