Russland feiert

Vor 100 Jahren wurde Sturmgewehr-Erfinder Kalaschnikow geboren

Ulf Mauder

Von Ulf Mauder (dpa)

Do, 07. November 2019 um 20:42 Uhr

Ausland

Die erste Kalaschnikow hielten Experten anfangs für kompliziert und zu teuer. Wenig später wurde das Sturmgewehr zum Exportschlager. Zu seinem 100. Geburtstag feiert Russland den Erfinder der Waffe.

Auch in der DDR war es einst im Einsatz. Russland feiert nun den 100. Geburtstag des Erfinders Michail Kalaschnikow groß. Verbrecherkartelle und Armeen weltweit schwören auf die Kalaschnikow.

Auf das Konto des am meisten verbreiteten Sturmgewehrs mit dem gekrümmten Magazin gehen Millionen von Toten. Doch wenn Russland am 10. November (Sonntag) den 100. Geburtstag des Erfinders Michail Kalaschnikow feiert, geht es nicht um die von Terroristen, Gangstern, Piraten und Soldaten angerichteten Blutbäder. Vielmehr erinnert das Riesenreich voller Nationalstolz an den als Helden verehrten Waffen-Konstrukteur.

Im Patriotismus-Unterricht in russischen Schulen wird der 2013 im Alter von 94 Jahren gestorbene General heute als leuchtendes Symbol des Vaterlandsverteidigers verehrt. Das Bildungsministerium veröffentlichte zum Jubiläum Unterrichtsmaterial für Lehrer, in dem es vor allem um die tödliche Wucht der "Wunderwaffe" geht. Darin heißt es, "dass mit dem Sturmgewehr Kalaschnikow mehr Menschen getötet wurden – als durch Artilleriefeuer, Luftbombardierungen und Raketenbeschuss". Es sei günstig in der Produktion und auch bei Regen und Kälte, im Wüstensand und Schlamm verlässlich. Lehrer können die Gewehre von Kindern auseinanderbauen und zusammensetzen lassen – wie zu Sowjetzeiten.

Kritiker bemängeln, dass dies nur ein Beispiel sei für die Militarisierung der Erziehung in Russland – und ein eher martialisches Verständnis von Patriotismus. Schlimm sei, dass Patriotismus in Schulen vor allem mit Waffen in Verbindung gebracht werde, schrieb die Zeitung Wedomosti zum Jahrestag. Andere Medien kommentierten, dass Russland doch andere große kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften vorweisen könne.

Dabei hatte der Waffenbauer selbst Gewissensbisse. "Mein seelischer Schmerz ist unerträglich", schrieb Kalaschnikow 2012 in einem Brief an den Patriarchen Kirill angesichts der vielen Menschen, die seiner Erfindung zum Opfer fielen. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche antwortete tröstend: "Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Verantwortung dafür nicht beim Erfinder liegt, sondern bei den Übeltätern." Die wenigsten der rund 100 Millionen Kalaschnikows weltweit sind nach russischen Angaben Originale. Auf 90 Prozent schätzt Russland die Zahl der Nachbauten. Inzwischen hat sich Russland die Marke mit internationalem Patent schützen lassen. Die Kalaschnikow-Firmengruppe produziert nicht nur Waffen für Armeen – auch für den Sport- und Jagdgebrauch. Im Angebot ist alles Mögliche von Booten über Drohnen bis hin zu Medizintechnik, Souvenirs, Outdoor-Ausrüstung und Medieninhalten.

Kremlchef Wladimir Putin hatte 2016 per Erlass festgelegt, dass das Andenken an den Nationalhelden besonders gepflegt werden solle. Nach seinem Tod fand der hochdekorierte General seine letzte Ruhe im "Pantheon Russlands", einer nationalen Gedenkstätte mit Heldenallee und Monumenten in der Nähe von Moskau.

Als Soldat hatte sich Kalaschnikow, der 1919 in Kurja in der südsibirischen Region Altai geboren wurde, im Krieg an der Schulter verwundet. In einem Krankenhaus tüftelte er dann an der "perfekten Waffe zum Schutze der Heimat". 1947 präsentierte der junge Leutnant erstmals den Prototyp des Gewehrs – ein Durchbruch –, bevor die sowjetische Armee die Waffe von 1949 an einsetzte.

Die Kalaschnikow wird nicht nur als Handfeuerwaffe genutzt, sondern auch auf Panzer und andere Fahrzeuge montiert. In der DDR war das Schnellfeuergewehr die Standard-Waffe der Nationalen Volksarmee (NVA). Die Soldaten feuerten an den Grenzanlagen zur Bundesrepublik auf Flüchtlinge aus der DDR zahlreiche tödliche Schüsse ab.