Vordenker globaler Gerechtigkeit

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Von dpa & KNA

Do, 18. Juni 2020

Kultur

Der indische Wohlfahrts-Ökonom und Philosoph Amartya Sen erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020.

Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020. Das teilte der Stiftungsrat am Mittwoch in Frankfurt am Main mit. Die angesehene Auszeichnung ist mit 25 000 Euro dotiert. Geehrt werden damit seit inzwischen 70 Jahren Persönlichkeiten, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben.

Amartya Sen wurde 1933 in Shantiniketan im indischen Bundesstaat Westbengalen geboren und lebt in Cambridge (Massachusetts/USA). 1998 hatte er den Nobelpreis für Wirtschaft für seine Arbeiten im Bereich der Wohlfahrtökonomie, Lebensstandard und wirtschaftlichen Entwicklung erhalten. Sein großes Thema ist die Frage: Wie lässt sich soziale Gerechtigkeit für das Individuum in seinem jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang verwirklichen? Sen verbindet dabei Fragen der Ökonomie mit denen der Moralphilosophie. Diese Fragestellung war nun ausschlaggebend für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sen setze sich "als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinander", hieß es am Mittwoch in der Begründung des Frankfurter Stiftungsrats. Seine Arbeiten trügen zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit bei und seien heute so relevant wie nie zuvor.

Zu Sens wichtigsten Forderungen zähle es, "gesellschaftlichen Wohlstand nicht allein am Wirtschaftswachstum zu messen, sondern immer auch an den Entwicklungsmöglichkeiten gerade für die Schwächsten", sagte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins und Vorsitzende des Stiftungsrats. "Sein inspirierendes Werk ist Aufruf dazu, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt." Der Index der menschlichen Entwicklung, den die Vereinten Nationen seit 1990 herausgeben, geht maßgeblich auf Sen zurück. Ein Index, mit dem sich Ungleichheit messen lässt, trägt seinen Namen.

Sen berücksichtigt dafür die städtebauliche Infrastruktur, das Bildungsangebot, das Sozialgefüge oder die Gleichberechtigung der Frauen und die Situation der Familien. Diese Faktoren eröffnen oder verstellen dem Individuum persönliche Handlungsspielräume.

Amartya Sen studierte Wirtschaftswissenschaften im indischen Kalkutta und an der englischen Elite-Universität Cambridge. Dass er sich auch der Philosophie verschrieb, prägte seine Arbeit. Sen lehrte an zahlreichen Hochschulen, darunter Delhi, Stanford, Berkeley, Oxford und Cambridge. Seit 2004 ist er Professor an der US-Universität Harvard. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Neben dem Nobelpreis erhielt er rund 100 Ehrendoktortitel. Sen ist mit der britischen Wirtschaftshistorikerin Emma Georgina Rothschild-Sen verheiratet und Vater von vier Kindern.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird traditionell im Herbst zur Frankfurter Buchmesse verliehen, die trotz der Corona-Pandemie stattfinden soll.