Demonstration statt Unterricht

Verena Wehrle und Moritz Eckert

Von Verena Wehrle & Moritz Eckert

Fr, 22. März 2019

Waldshut-Tiengen

Schüler gehen jetzt auch in Waldshut für mehr Klimaschutz auf die Straße / Teil der weltweiten Bewegung "Fridays for Future".

WALDSHUT-TIENGEN. Die weltweite Bewegung "Fridays for Future", an der Schüler freitags für mehr Klimaschutz demonstrieren, ist nun auch in Waldshut-Tiengen angekommen. Konstantin Berger, Schülersprecher des Kollegs St. Blasien, ruft die Waldshuter Schulen heute zur Kundgebung auf. "Ich habe im Radio von der Bewegung gehört und will nun selbst etwas bewegen", erzählt der 16-Jährige.

Gemeinsam mit den Schülersprechern des Hochrhein-Gymnasiums, Felix Stauber und Leon Straub, habe er dann in allen sozialen Medien sowie mit Plakaten die Werbetrommel gerührt und weitere Waldshuter Schulen ins Boot geholt.

500 Realschüler kommen
Vom Viehmarktplatz ziehen die Schüler am heutigen Freitag um 11 Uhr durch die Innenstadt, beim Rathaus wollen sie mit einer Kundgebung Präsenz zeigen. Dort werden dann mehrere Schüler sprechen. Berger rechnet mit weit über 600 Teilnehmern, denn allein von der Robert-Schumann-Realschule haben sich 500 Schüler angekündigt.

Doch wie sehen es eigentlich die Schulen, dass während der Unterrichtszeit demonstriert wird? Und welche weiteren Vorkehrungen braucht es seitens der Stadt für eine solche Veranstaltung?

"Ich finde es mehr als richtig, dass die Schüler für ihre Zukunft auf die Straße gehen", sagt Lisa Bosch, Leiterin der Robert-Schumann-Realschule. "Unser Bildungsziel ist, die Schüler zu interventionsfähigen, couragierten und aktiven Bürgern zu erziehen." Wenn sie es gut begründen und ein ehrliches Interesse zeigen, werde ein Antrag auf Freistellung auch genehmigt. Auch sei es im Fall dieser Realschule möglich, mit der ganzen Klasse samt Lehrer hinzugehen. Ausgenommen seien die zehnten Klassen, die am Freitag Klausuren schreiben.

Schule weiß nichts von Demo
In der Kaufmännischen Schule wusste man überhaupt nichts von der geplanten Demo, wie Schulleiterin Isabella Schlipphack sagt. Ursprünglich sei geplant gewesen, eine solche Demo in Waldshut gleichzeitig mit jener in Bad Säckingen vergangenen Freitag zu veranstalten. Einige ihrer Schüler hätten dort schon letzte Woche teilgenommen. "Es geht nicht, dass jede Woche so etwas stattfindet", so Schlipphack.

Frank Decker, Leiter der Gewerblichen Schulen, ist der Demo gegenüber grundsätzlich sehr positiv eingestellt. In seiner Rolle als Schulleiter wolle er einerseits, dass der Unterricht stattfindet, andererseits sei er aber auch der Meinung, dass die Schüler durch ihr Handeln Bürgerpflichten wahrnehmen, die im Einklang mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule stehen. Er freue sich darüber, dass sich junge Menschen wieder vermehrt für Politik interessieren.

Keine Sanktionen
Der Leiter der Justus-von-Liebig-Schule, Thomas Gehr, wusste bis zur Anfrage unserer Zeitung noch nichts von der anstehenden Demo. "Die Schule ist kein Gefängnis und jeder kann gehen, wann er will", sagt Gehr. Allerdings würden die Schüler nicht extra vom Unterricht freigestellt. Persönlich finde er das Engagement der Schüler für die Umwelt gut. Sanktionen werden laut Auskunft der Schule nicht verhängt.

"Die Eltern wurden vorab in einem Brief über die Thematik informiert", sagt Markus Funck, stellvertretender Leiter des Hochrhein-Gymnasiums. "Ihnen steht es jetzt offen, ihre Kinder für den Zeitraum der Demo zu entschuldigen", so Funck. Dies gelte zwar immer noch als unentschuldigtes Fehlen, werde aber nicht sanktioniert, sofern die Anzahl der Fehltage durch diese Demos im Rahmen von zwei bis drei Tagen bleibe. Persönlich befürwortet Funck als dreifacher Familienvater die Demo. Er sagt aber auch: "Irgendwann muss man da auch einen Punkt setzen. Die Sache kann nicht monatelang so weiter gehen, da sonst der Lehrauftrag darunter leidet".

Bodo Masuhr, Leiter der Christlichen Schule Hochrhein, ist etwas zwiegespalten. Auf der einen Seite könne man die Schüler nicht einfach so freistellen, und es müsse ja auch ein gewisser Unterrichtsplan eingehalten werden. Auf der anderen Seite findet er es super, dass sich die Schüler für ihre Zukunft engagieren. Deshalb handhabe die Christliche Schule die Sache so, dass die Eltern ihre Kinder ganz normal für diese Zeit entschuldigen können. "Unsere heutige Gesellschaft ist es einfach nicht mehr gewohnt, dass Leute demonstrieren", sagt Masuhr. "Es ist etwas Wertvolles, dass die Schüler dieses Mittel für sich entdecken und sich somit politisch engagieren".

Das sagt die Stadt
Und was sagt die Stadt dazu? Eine Demonstration sei grundsätzlich nicht genehmigungspflichtig, jedoch sei es sinnvoll, eine Kundgebung bei der Stadt anzumelden, informiert Ralph Albrecht, Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Waldshut-Tiengen. Ohne Anmeldung bestehe das Risiko, dass die Polizei mangels Sicherheit die Veranstaltung abbricht. Im aktuellen Fall hat Konstantin Berger die Demo rechtzeitig bei der Stadt angemeldet. Danach folgte das Anhörverfahren, wo Sicherheitsauflagen festgelegt wurden. Dabei wurde auch die ursprüngliche Route des Demonstrationszugs geändert, erklärt Jürgen Wiener, Leiter der Ortspolizeibehörde.

Kundgebung beim Rathaus
Eigentlich wollten die Schüler an den Schulen starten, womit es aber im Bereich Friedrich- und von-Kilian-Straße zu Vollsperrungen gekommen wäre, was zu einer großen Verkehrsbelastung geführt hätte. Die Gefahr für die Teilnehmer der Demonstration sei einfach zu groß gewesen, so Wiener. Als Ergebnis ziehen die Schüler nun vom Viehmarktplatz bis zum Rathaus und weiter zum Oberen Tor. Mit dem Zug durch die Innenstadt komme es nun nur zu kurzzeitigen Sperrungen.