Münzfunde

Wann die Römer das Lahrer Dinglingen verließen

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Do, 09. September 2021 um 12:16 Uhr

Lahr

Alte Silber- und Bronzemünzen zeigen den Archäologen auf, wann eine römische Siedlung gegründet wurde und bis wann sie existierte – wie zum Beispiel in Dinglingen.

Nicht nur aus der neueren Geschichte sind verlassene und umgesiedelte Dörfer bekannt. Nach den neuen Grabungsergebnissen aus der Leopoldstraße scheint auch die römische Siedlung in Lahr-Dinglingen verlassen worden zu sein, schreibt das Stadtmuseum in seinem Bericht.

Schon in der Vorgeschichte kam es immer wieder dazu, dass Menschen ihre Heimat verließen, sie an anderer Stelle wieder aufbauten oder in eine ganz andere Region weiterzogen. Vor allem aus dem Frühmittelalter sind in der Archäologie sogenannte Wüstungen bekannt, die auf Ausgrabungen nur noch als "besenrein" verlassene Hausgrundrisse zu erkennen sind. Das scheint auch in Dinglingen der Fall gewesen zu sein.

So ermitteln Archäologen, wie lange das Dorf bewohnt war

Aber wie haben Archäologen ermittelt, wie lange das Straßendorf (vicus) bewohnt war? Auskunft über den Besiedlungszeitraum geben vor allem Bronze- und Silbermünzen. Sie werden von Experten aus der Numismatik (Münzkunde) datiert und analysiert. Denn wenn ein neuer Kaiser in Rom gekrönt wurde, ließ dieser zunächst Münzen mit seinem Profil prägen. So erfuhren alle im Imperium Romanum von England bis Nordafrika und von Spanien bis in die Levante von dem Herrscherwechsel in Rom.

Die prägefrische Münze mit dem Gesicht des neuen Kaisers wechselte nun immer wieder den Besitzer, wurde in Beuteln transportiert und schlitterte über den Verkaufstresen. Mit der Zeit rieb sie sich ab. Münzexperten können durch den Grad des Abriebs den Umlaufzeitraum für jede Münze einschätzen. Datierung, Prägedatum und Umlaufzeit aller gefundenen Münzen in einer Siedlung ergeben eine Münzkurve, die den Besiedlungszeitraum angibt. Wenige Münzen am Anfang zeigen die Gründung und den Aufbau an, viele Münzen die Blüte der Siedlung. Werden die Münzen langsam weniger, schrumpft die Siedlung wieder, bricht die Münzkurve sogar abrupt ab, wurde sie sehr schnell verlassen.

Der Vicus in Lahr-Dinglingen scheint anhand der Münzkurve um 100 nach Christus gegründet und ausgebaut worden zu sein. Seine Blütezeit lag im 2. Jahrhundert. Aus den Grabungsergebnissen schlossen die Archäologen bisher, dass die südlichen Ränder der Siedlung bereits zwischen 200 und 230 nach Christus verlassen wurden. Anders sieht es wohl mit dem Zentrum der Siedlung aus, das mit der Grabung in der Leopoldstraße angeschnitten wurde. Hier weist die letzte Münze – die sogenannte Schlussmünze, eine Silbermünze (Denar) des Kaisers Severus Alexander – auf ein Ende der Siedlung nach 230/235 nach Christus hin. Da die Münze nur wenig abgerieben ist, scheint sie nicht mehr allzu lange verwendet worden zu sein. Ein endgültiges Siedlungsende um die Mitte des 3. Jahrhunderts ist daher wahrscheinlich.

Auf den Grund für das Ende der Siedlung könnte die Fundlage der Münze in einer (Planier-)Schicht hinweisen. Es spricht einiges dafür, dass es sich dabei nicht um menschengemachte Einplanierungen handelt, sondern um Überschwemmungsschichten.

Hochwasser könnte das Aus besiegelt haben

Immer wiederkehrende Hochwasser der Schutter haben den Gallo-Römern in Dinglingen wohl große Probleme bereitet. Im südlichen Bereich am Mauerweg scheint sogar ein Überschwemmungs- und Hochwasserereignis für das Ende der Siedlung verantwortlich gewesen zu sein. Nach einer besonders massiven Schicht sind dort keine Hinweise auf einen Wiederaufbau zu finden.

Sicher spielten aber auch ökonomische und politische Gründe, wie die Aufgabe vieler Siedlungen und Gehöfte im Limesgebiet und das Ende der dortigen Militärlager, eine wichtige Rolle. In der Folge zogen sich am Oberrhein Soldaten und Händler auf das sichere westliche Rheinufer im heutigen Frankreich zurück. Die östliche Oberrheintalstraße und damit auch die Siedlung in Dinglingen verloren an Bedeutung.