Warum die Helden der Corona-Krise in Mexiko zu Opfern werden

Sandra Weiss

Von Sandra Weiss

Do, 14. Mai 2020

Ausland

In einigen Ländern Lateinamerikas häufen sich Diskriminierungen und gewalttätige Übergriffe auf Klinikpersonal / Die Politik reagiert nur zögerlich.

In Europa sind sie Helden und bekommen Applaus, in Mexiko müssen sie sich vor Angriffen in Schutz nehmen – die Ärzte und Pfleger, die an vorderster Front gegen die Coronavirus-Pandemie kämpfen. "Unverantwortliche Schlampe" ist nur eine der Beleidigungen, die Krankenschwester Sofia Cortés aus Mexiko-Stadt laut dem Portal Verne dieser Tage zu hören bekommt, wenn sie in den Bus steigt. Ihr Kollege Abdel de la Rosa fährt wegen der schrägen Blicke und abfälligen Bemerkungen lieber Taxi – auch wenn dabei sein halber Lohn draufgeht.

Die Ärztin Sandra Alemán aus San Luis Potosí wurde auf dem Parkplatz eines Supermarktes von einer hysterischen Frau geschlagen und zu Boden gestoßen und brach sich dabei einen Finger; eine Kollegin wurde mit Chlor überschüttet. Einer Ärztin einer abgelegenen Gesundheitsstation im Bundesstaat Oaxaca wurde nach Ausbruch der Pandemie von einem Tag auf den anderen wegen vermeintlicher Ansteckungsgefahr die Wohnung gekündigt, ihre Kollegen werden im örtlichen Tante-Emma-Laden nicht mehr bedient. Im nördlichen Bundesstaat Nuevo León zündeten aufgebrachte Nachbarn ein Hospital an, das kurz zuvor zum Zentrum für die Behandlung von Corona-Patienten umfunktioniert worden war. Sie fürchteten, dieses könne die ganze Nachbarschaft infizieren. Seither patrouillieren Polizei und Nationalgarde regelmäßig in der Nähe von Hospitälern. Aber nicht nur Mexiko ist betroffen: Auf Haiti wurde ein Chefarzt entführt; der kolumbianische Anästhesist Santiago Osorio darf in seinem Wohnblock auf Anweisung der Verwaltung weder den Aufzug noch den Gemeinschaftsgarten betreten. In Argentinien bekam der Gynäkologe Leandro Goñi Besuch von seinen Nachbarn, die ihn aufforderten, wegen Ansteckungsgefahr seine Praxis zu schließen. Von Panama bis Chile berichten Krankenschwestern und Ärzte über anonyme Drohbriefe und Bus- und Taxifahrer, die sie einfach stehen lassen.

"Der Stress macht die Menschen zu Psychopathen", zitiert Verne die Krankenschwester Ligia Kantún aus Yucatán, die von einem fahrenden Auto heraus mit heißem Kaffee übergossen wurde. "40 Jahre lang habe ich diese Uniform mit Stolz getragen, und jetzt soll ich mich verstecken?", fragt die 58-Jährige. Hintergrund für die Angriffe sei eine Mischung aus Wut und Angst, so der Kommentator Luis Rubio. "Vielleicht ist es ja auch Ausdruck einer Gesellschaft, die jegliche Grenze des Anstands überschritten hat", gab Rubio von der Bürgerrechtsorganisation "Mexico Evalua" zu bedenken. Kantún führt die Reaktion auch auf Unwissenheit zurück. Die Medien berichteten zwar viel über fehlende Gesichtsmasken und Schutzanzüge in den Hospitälern, "aber wir desinfizieren alles, bevor wir das Krankenhaus verlassen".

Viele Krankenhäuser raten ihrem Personal inzwischen, in Zivilkleidung zur Arbeit zu kommen und sich dort umzuziehen. Die Gewerkschaft der mexikanischen Krankenpfleger und einige Bundesstaaten haben begonnen, Minibusse anzumieten, um den Personaltransport sicherzustellen. Jede Fachkraft ist wichtig.

In Mexiko liegt die Arztdichte bei zwei pro tausend Einwohner, das ist die Hälfte von Deutschland oder der Schweiz. Erst unlängst hat die Regierung eilig 4500 neue Stellen ausgeschrieben. Staatssekretär Hugo López-Gatell, der als Regierungssprecher für die Pandemie fungiert, kritisierte die Übergriffe entsprechend scharf. "Es ist empörend, dass Menschen ihre Ängste und Aggressionen ausgerechnet gegen diejenige richten, die sie beschützen", sagt der Funktionär.

Ein Abgeordneter der Regierungspartei Morena brachte nun ein Gesetzesvorhaben ein. Wer Gesundheitspersonal angreift, soll mit bis zu 25 Jahren Haft oder hohen Geldbußen bestraft werden. Doch die Mehrzahl der Übergriffe sind anonym. Der Nationale Rat gegen Diskriminierung, der die Angriffe dokumentiert, hält einen anderen Weg für sinnvoller: "Gegen Desinformation, Angst und Vorurteile helfen Aufklärungskampagnen am besten", so sein Ratschlag.