Übermittlungsprobleme

Warum die niedrige Inzidenz im Kreis Waldshut nicht aussagekräftig ist

Justus Obermeyer

Von Justus Obermeyer

Mi, 07. April 2021 um 18:56 Uhr

Kreis Waldshut

Die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis Waldshut liegt seit 5 Tagen in Folge unter 100 – das ermöglicht Lockerungen. Doch auf Grund von Ostern und Übermittlungsproblemen ist der Wert wenig belastbar.

Ganz Deutschland redet von einem "harten Lockdown", den das Land bräuchte, um die dritte Corona-Welle zu brechen. Im Kreis Waldshut könnten allerdings jetzt schon wieder Lockerungen möglich sein – zumindest nach den aktuell geltenden Regeln. Wenn ein Landkreis fünf Tage in Folge eine Inzidenz unter 100 feststellt, kann die erst seit kurzem geltende "Notbremse" wieder gelockert werden – das ist im Kreis Waldshut nun möglich.
Das Landratsamt Waldshut hat aktuell entschieden, die Notbremse auszusetzen. Ab morgen, Donnerstag, den 8. April, gelten im Kreis die Lockdown Lockerungen nach der Corona-Verordnung des Landes:
  • Click & Meet für den Einzelhandel
  • Betrieb von Museen, Galerien, Zoos und Gärten mit Vorgaben möglich
  • Betrieb von Sportanlagen für Freizeit und Amateursport möglich
  • Körpernahe Dienstleistungen sind erlaubt (Kosmetik-, Nagel-, Massage-, Tattoo- und Piercingstudios)
  • Betrieb von Musik-, Kunst- und Jugendkunstschulen



Entscheidend für die Feststellung der Inzidenz sind die Zahlen des Landesgesundheitsamts (LGA). Am Dienstag, 6. April, hat die Behörde für den Kreis Waldshut zum vierten Mal in Folge einen Wert unter 100 festgestellt (Samstag: 97,7; Sonntag: 82,5; Ostermontag: 91,8; Dienstag: 77,8). Am Mittwoch lag die Inzidenz nun bei 80,7 – also den fünften Tag in Folge unter 100. Damit könnte der Landkreis die Notbremse lösen. Dann würden die Einschränkungen vom Landratsamt formell zum Freitag aufgehoben. Zumindest solange Bundes- und Landesregierung nichts anderes beschließen.

Wie kommt es zu einem schnellen Absinken der Zahlen?

Doch wie kommt es überhaupt zu so einem deutlichen Absinken der Fallzahlen in so kurzer Zeit? Zur Erinnerung: Erst vor zwölf Tagen, am 26. März, hatte der Landkreis Waldshut selbst eine Inzidenz von 140,9 angegeben. War nicht sogar ein Anstieg durch die deutlich ansteckenderen Mutationen befürchtet worden?

Tatsächlich sind die Zahlen, die die Kreisgesundheitsämter aktuell feststellen, derzeit wenig belastbar. Dies liegt unter anderem an den Osterfeiertagen, an denen sowohl Behörden als auch Labore nicht im Vollbetrieb arbeiteten. Landesweit lagen vor Ostern noch 26 der 44 Land- und Stadtkreise in Baden-Württemberg über dem kritischen 100er-Wert, am Dienstag waren es nur noch 18. Flächendeckend kam es also zu einem deutlichen Rückgang der gemeldeten Zahlen.

Ein Übermittlungsfehler und der Inzidenzwert

Dass der Kreis Waldshut nun seit mehreren Tagen wieder unter dem Grenzwert liegt, hat aber noch zwei andere Gründe: Zum einen wurde dem Landesgesundheitsamt am Dienstag kein einziger neuer Fall gemeldet – offenkundig aufgrund eines technischen Fehlers. Solche Übermittlungsfehler kommen immer wieder vor – haben aber nur selten solche folgenreiche Auswirkungen, dass damit ein Grenzwert entscheidend unterschritten wird.

Ein weiterer Grund für die niedrigen Waldshuter Zahlen liegt im Meldesystem des Kreisgesundheitsamts, konkret: an der verzögerten Meldung. Zwar veröffentlicht das Landratsamt täglich gegen 15 Uhr eine aktuelle Fallstatistik, an das Landesgesundheitsamt nach Stuttgart werden die Zahlen aber erst um 17 Uhr übermittelt. Dort ist allerdings schon um 16 Uhr der "Stichzeitpunkt" für die tägliche Inzidenzberechnung.

Was nach harmloser Verschiebung klingt, hat aber entscheidende Folgen. Es gibt nämlich noch eine etwas komplizierte Besonderheit bei der Erfassung der positiven Corona-Fälle: Das Landesgesundheitsamt unterscheidet nämlich in seinem täglichen statistischen Bericht zwischen "Übermittlungszeitpunkt" (also, wann der positive Fall dem Landesgesundheitsamt übermittelt wurde) und "Meldezeitpunkt" (der Zeitpunkt, wann der positive Fall dem Kreisgesundheitsamt bekannt geworden ist). Wichtig: Nur der Meldezeitpunkt ist für die Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz maßgeblich.

Meldung erfolgt erst um 17 Uhr

Die verspätete Meldung um 17 Uhr führt nun dazu, dass für die Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz nur die Fälle von sechs Tagen zur Verfügung stehen. Durch die Verzögerung der Meldung kommt es nicht nur zu einer zeitlichen Verschiebung der Daten, sondern zu einer Verringerung der relevanten Fallzahlen. Dies weiß auch das Landesgesundheitsamt: "Verzögerungen bei der standardisierten Falldatenübermittelung an das LGA können auch dadurch bedingt sein, dass die Gesundheitsämter vor Ort als erste Priorität die notwendigen Infektionsschutzmaßnahmen einleiten sowie die Kontaktpersonen recherchieren, um Infektionsketten so schnell wie möglich unterbrechen zu können", erklärt das Landesgesundheitsamt.

Tatsächlich werden dem LGA aus Waldshut deutlich mehr Fälle übermittelt als letztlich in die Statistik zur Berechnung der Inzidenz eingehen. Dass nicht alle Landkreise mit verzögerten Meldungen für verwirrende Zahlen sorgen, beweist der Landkreis Lörrach: Er übermittelt seine Zahlen täglich um 15.30 Uhr nach Stuttgart, somit gehen die aktuellen Zahlen direkt in die Statistik des Landesgesundheitsamts ein.

Eine Differenz zwischen den an das Kreisgesundheitsamt gemeldeten und den an das LGA übermittelten Zahlen besteht im Landkreis Lörrach also nicht.

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