"Dryjanuary"

Warum ein Monat Alkoholverzicht sinnvoll ist

Anna Castro Kösel

Von Anna Castro Kösel

Fr, 13. Januar 2023 um 20:30 Uhr

Junges Leben (fudder) Junges Leben

"Dryjanuary" heißt ein Trend des neuen Jahres: Mitstreiterinnen und Mitstreiter trinken im Januar keinen Alkohol. Der Leberspezialist Tobias Böttler erklärt, warum er den temporären Verzicht gutheißt.

BZ: Herr Böttler, Sie sind stellvertretender Leiter des Gerok-Leberzentrums an der Uniklinik Freiburg. Was halten Sie von dem "trockenen Monats", dem "Dryjanuary"?
Böttler: Der Aufmerksamkeitsaspekt ist ganz wichtig. Oft wird Alkoholtrinken als Teil unserer Kultur angesehen. Dabei sollte man die Risiken nicht unter den Tisch fallen lassen. Eine Studie, die 2021 in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschien, konnte einen glasklaren Zusammenhang zwischen dem Alkoholkonsum pro Kopf, der Alkoholgrundsteuer und der Sterblichkeitsrate durch Lebererkrankungen feststellen. Wenn Sie in die nordischen Länder schauen, wo Alkohol teurer ist, sehen Sie, dass dort weniger Menschen an Lebererkrankungen sterben.



BZ: Ist da der Dryjanuary nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Böttler: Der Dryjanuary kann sehr gut dazu dienen, herauszufinden, ob man ein Problem mit Alkohol hat. Hierbei muss man erst einmal zwei Dinge unterscheiden: Es gibt dieMenschen, die eine Suchterkrankung haben, denen es schwer fällt, auf Alkohol zu verzichten. Andere Menschen sind Genusstrinker und könnten jederzeit mit dem Alkohol aufhören, wenn sie die Diagnose bekommen, dass ihre Leber krank ist. Oft entsteht der Fehler im Kopf: "Ich habe kein Alkoholproblem, also ist meine Leber gesund". Das kann ein falscher Schluss sein. Bei manchen Menschen reicht schon nur wenig Alkohol aus, damit die Leber darunter leidet. Ein Monat Alkoholpause gibt der Leber Luft, sich neu zu sortieren. Außerdem kann man sich selbst einmal zeigen: "Ich schaff´s auch ohne".

BZ: Was ordnen Sie an, wenn Sie merken, dass Ihre Patienten zu viel trinken?
Böttler: Ich empfehle totale Abstinenz für sechs bis zwölf Monate. Wenn eine Person eine Suchterkrankung entwickelt hat, muss man das strenger durchziehen. Liegt keine Suchterkrankung vor und die Leber hat sich nach einiger Zeit wieder erholt, verbiete ich nicht das Sektglas an Silvester. Bei einer abhängigen Person besteht das Potenzial, rückfällig zu werden. Da kann schon ein Glas Sekt reichen, damit der Suchtkreislauf von Neuem losgeht.

BZ: Wie reagieren Ihre Patienten, wenn Sie die Alkoholfrage stellen?
Böttler: Die meisten Menschen sind gut auf diese Frage vorbereitet und haben sich eine Antwort überlegt. Andere Patienten empfinden die Frage als großen Affront – nach dem Motto: "Ist ja klar, dass Sie das wieder auf den Alkohol schieben". Viele Menschen, die eine Lebererkrankung haben, wurden tatsächlich jahrelang fälschlich als Alkoholiker stigmatisiert. Oft hat eine geschädigte Leber etwas mit einem ungesunden Alkoholkonsum zu tun – nicht selten sind es aber auch andere Ursachen, da muss man sehr wachsam bleiben.
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"Wenn man sich eingestanden hat, dass man ein Problem hat, ist man schon ganz weit."

BZ: Angenommen, man nimmt sich vor, eine Zeit lang nichts zu trinken. Was tut man, wenn man merkt, dass man das nicht durchhalten kann?
Böttler: Wenn es einem schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten, muss man sich Hilfe holen. Dabei gibt es abhängig von der Erkrankung verschiedene Anlaufstellen. Von den Anonymen Alkoholikern bis zur stationären oder ambulanten Entzugstherapie, nicht zuletzt natürlich auch den Hausarzt. Wenn man sich eingestanden hat, dass man ein Problem hat, ist man schon ganz weit. Wir Menschen sind bekanntlich sehr gut darin, uns Ausreden auszudenken.

BZ: Wie geht man am besten vor, wenn man jemanden in seinem Umfeld hat, bei dem man ein Alkoholproblem vermutet?
Böttler: Darauf gibt es keine klare Antwort. Wenn man den Verdacht ausspricht, und er stellt sich als falsch heraus, kann das einem die Person lange übel nehmen. Ist man sich seiner Sache sicher, ist es wichtig, dass man sich unterhakt und sagt: "Wir gehen da zusammen durch".
Tobias Böttler, 43, ist Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin für Gastroenterologie und Hepatologie und ist stellvertretender Leiter des Gerok-Leberzentrums an der Freiburger Universitätsklinik. Böttler stammt aus Berlin und hat in Freiburg studiert. Seit 2007 ist er an der Universitätsklinik tätig. Zwischenzeitlich arbeitete er von 2009 bis 2012 in den USA.