Gesellschaft

Warum Einsamkeit tödlicher ist als Kettenrauchen

Kathrin Blum

Von Kathrin Blum

Di, 09. März 2021 um 17:16 Uhr

Liebe & Familie

Kontakte vermeiden - hilft die Pandemie einzudämmen, macht aber einsam. Publizistin Diana Kinnert spricht im Interview über soziale Isolation und warum das mehr ist als ein persönliches Problem.

Schon vor Corona sind verschiedene Studien zum Ergebnis gekommen, dass 14 Millionen Deutsche gelegentlich oder dauerhaft einsam sind. Aktuell liegt diese Zahl noch deutlich höher, sagt Diana Kinnert.

BZ: Wie definieren Sie Einsamkeit – und grenzen diese vom Alleinsein ab?
Kinnert: Einsamkeit ist defizitär, ein Gefühl von Ablehnung und Zurückweisung in Kombination mit Aussichtslosigkeit und Ohnmacht. Ich fühle mich einsam, wenn mein Anspruch an sozialem Austausch, Verbindlichkeit und Intimität dauerhaft nicht erfüllt ist. Das Alleinsein hingegen ist selbstgewählt und ein temporärer Zustand, der mir Kontemplation, Kraft und Erholung schenkt.

BZ: Waren Sie schon einmal einsam?
Kinnert: Ja. Und ich glaube, es gibt keinen Menschen auf der Welt, der noch nie einsam gewesen ist.

BZ: Daraus könnte man schlussfolgern, dass eine Zunahme der Einsamkeit nicht weiter beunruhigend ist.
Kinnert: Man muss unterscheiden, ob sich jemand zeitlich beschränkt einsam fühlt oder es für ihn einen dauerhaften, aussichtslosen und ohnmächtigen Zustand darstellt. Die Forschung macht deutlich: Einsamkeit ist gefährlich, sie hat reale ernste gesundheitliche Konsequenzen. Sie ist tödlicher als starkes Rauchen oder langjährige Fettleibigkeit. Sie erhöht das Risiko auf einen frühzeitigen Tod um 25 Prozent.

BZ: Sie meinen die Folgen von Einsamkeit?
Kinnert: Studien zeigen, dass Einsamkeit Angstzustände und Paranoia fördert, zu Depressionen und Demenz führen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen kann.

"Einsamkeit ist gefährlich, sie hat reale ernste gesundheitliche Konsequenzen."

BZ: Instrumente gegen Einsamkeit gibt es dank der Digitalisierung heute mehr als jemals zuvor. Wie passt das zur aktuellen Entwicklung?
Kinnert: Es spielt keine Rolle, wie viele WhatsApp-Kontakte wir haben. Man kann gerade in Gesellschaft sehr einsam sein. Entscheidend ist nicht die Frage, ob, sondern wie ich mit anderen Menschen verbunden bin. Bei jungen Menschen ist zu beobachten, dass sie sich im Lichte zunehmender Inszenierung und Optimierung minderwertig fühlen. Sie ziehen sich zurück, weil sie sich anderen nicht zumuten wollen, sich als Belastung empfinden. Diese soziale Scheu verselbstständigt sich, ist ernster psychosozialer Stress. Wirkliche menschliche Beziehung erfordert ein gesundes Selbstbild.
Diana Kinnert berät zivilgesellschaftliche Einrichtungen sowie (Landes-)Regierungen zum Thema Vereinzelung, auch die britische Regierung. Die 30-Jährige ist Mitglied im Bundesfachausschuss Gesellschaftlicher Zusammenhalt der CDU. Anfang März erschien ihr neues, in Zusammenarbeit mit Marc Bielefeld entstandenes Buch: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 448 Seiten, 22 Euro.

BZ: Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl sind also eher einsam?
Kinnert: Ja. Je mehr sich jemand seiner selbst bewusst ist, umso eher gelingt es ihm, sich anderen zuzumuten, sich vor ihnen seiner selbst gewahr zu werden.

BZ: Welche Rolle spielt der sozioökonomische Status beim Entstehen von Einsamkeit, gerade in der Pandemie?
Kinnert: Eine erhebliche. Die vierköpfige Familie im Haus mit Garten auf dem Land, in der die Eltern weiter ihrer Arbeit nachgehen, hat es leichter als der Student in der Stadt, der meist in der Gastronomie jobbt und jetzt mittellos im WG-Zimmer vereinsamt. Aber auch ohne Pandemie ist die finanzielle Ausstattung ein wichtiger Faktor: Kann ich es mir leisten, mit Freunden ins Café zu gehen? Reicht mein Einkommen für die Mitgliedschaft im Sportverein? Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist nicht zu unterschätzen.

BZ: Inwieweit ist Einsamkeit eine Altersfrage?
Kinnert: Zunächst gar keine, weil Einsamkeit individuell ist. Aber natürlich trifft es manche Altersgruppen stärker. Gefährdet sind sicherlich Senioren, Stichwort Altersarmut. Dazu kommt, dass sie häufig nicht geübt sind im Umgang mit modernen Kommunikationswegen – oder keinen Zugang zu diesen haben. Für junge Menschen wiederum ist die aktuelle Zeit sehr belastend, weil der Bruch zu ihrem quirligen Alltagserleben brachial ist. Der junge Mensch braucht Rausch, Abrieb, Nähe für seine Identitätsbildung.

"Im Zeitalter der Überinformation, Globalisierung und Digitalisierung ist die mentale Belastung extrem hoch – und Einsamkeit der größte Stressor."

BZ: Auch die Mutter, die den Schwiegervater pflegt und drei Kinder versorgt, kann einsam sein – und war es möglicherweise auch schon vor 30 Jahren. Haben sich gar nicht die Zahlen, sondern nur der Blick auf dieses Thema verändert?
Kinnert: Das ist sehr richtig. Pflichtgemäß zu handeln birgt ein eigenes Einsamkeitsgefühl. Insgesamt hat sich das aber eher geändert. Wir erleben einen Zugewinn an Freiheiten und Chancen, der vor allem den Frauen zugutekommt. Haben sie früher noch eher aus ökonomischem Zwang geheiratet, haben sie heute die Wahl. Das ist erst einmal etwas Gutes. Ob daraus folgen sollte, Bindungslosigkeit zu idealisieren? Da bin ich skeptisch. Auch in der Wirtschaft hat es einen Paradigmenwechsel gegeben: Vor 50 Jahren ging es um langfristiges Unternehmertum, ökonomische Sicherheit. Heute sind die Biografien von Brüchen geprägt, Jobs gibt es nur noch projektweise und befristet. Diese Flexibilität übersetzt sich auch ins Sozial- und Kulturleben. Alles wird flexibel, flüchtig und beliebig. Und offenbar macht das viele Menschen krank. Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden, in welche Richtung wir gehen möchten.

BZ: Das klingt rückwärtsgewandt.
Kinnert: Im Zeitalter der Überinformation, Globalisierung und Digitalisierung ist die mentale Belastung extrem hoch – und Einsamkeit der größte Stressor. Deshalb fordere ich, dass Politik mentale Gesundheit ernst nimmt. Sie hat einen immensen Einfluss auf unser Immunsystem. Das wird – nicht nur in der Pandemie – vollkommen unterschätzt. Andere Länder sind da weiter, so gibt es beispielsweise in Großbritannien ein Einsamkeitsministerium. In Deutschland gibt es dafür keine institutionelle Zuständigkeit, keine Budgets, am Ende keine politische Verantwortung. Und das muss sich ändern.


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