Fünf Beispiele

Was im Jahr 2022 in Südbaden so richtig gut lief

Sylvia Sredniawa, Simone Lutz, Kathrin Ganter, Gerhard Walser, Alexander Dick

Von Sylvia Sredniawa, Simone Lutz, Kathrin Ganter, Gerhard Walser & Alexander Dick

Sa, 31. Dezember 2022 um 15:09 Uhr

Südwest

Der Sonntag Krieg in der Ukraine, Energiekrise, Inflation: 2022 gilt als Krisenjahr. Zugleich geschah im vergangenen Jahr auch Erfreuliches. Fünf Beispiele aus der Region.

Waldkirch freut sich über einen "singenden Baum"
Der "Singende Weihnachtsbaum" hat im Dezember die Menschen in Waldkirch begeistert. Die weihnachtsbaumähnliche Bühne mit Tannengrün und Kerzen und einer Höhe von über zehn Metern war auf dem Kirchplatz nicht nur imposant anzusehen, sondern sorgte mit den wechselnden Chorauftritten für so manchen Gänsehautmoment bei zahlreichen Besuchern. Die umfangreichen Vorbereitungen, die der Stadtfestverein Waldkirch als Dach von 14 Vereinen mit zahlreichen Helfern ebenso gestemmt hat wie die Veranstaltung selbst, wurden auch vom Zürcher Initiator André Kofmehl – dort gibt es den "Singing Christmas Tree" seit vielen Jahren – gewürdigt.

Selbst Herausforderungen wie Schnee, Glatteis und Kälte wurden durch stundenlange Einsätze bewältigt. Zugleich sorgte der Schnee für eine besondere Atmosphäre vor der Bühne und zwischen den Bewirtungshütten.

"Vorausgesetzt, der finanzielle Rahmen stimmt", werde es 2023 eine Neuauflage geben, sagte der Stadtfestvereinsvorsitzende Rolf Störr. Hinsichtlich der Besucherzahlen wurde der "Singende Weihnachtsbaum" in Waldkirch nur noch vom Internationalen Orgel- und Klangfestival im Juni getoppt, dass nach einer Pause von fünf Jahren – drei im normalen Rhythmus und zwei wegen Corona – wieder stattfand.

In Freiburg gibt es nun auch Muße beim Bummeln
In einigen Parks dieser Welt, etwa im Pariser "Jardin du Luxembourg", stehen Stühle zum Hinsetzen, Ausruhen, Wohlfühlen. Seit 2022 auch an vier Plätzen in der Freiburger Innenstadt: Am Kartoffelmarkt, im Colombipark, nahe des Schwarzen Klosters sowie an der Rasenfläche bei Unterlinden sorgen in der warmen Jahreszeit insgesamt 80 stabile, lindgrüne Aluminiumstühle für mehr Komfort beim Verweilen. Man kann die Stühle zusammenstellen und umgruppieren, ganz wie es beliebt. Passantinnen und Passanten haben sie dankbar angenommen, und so hat sich das Bild der City verändert: Nun ist Zeit für Muße. Die neuen Sitzmöbel sind Teil eines Gesamtkonzeptes, mit dem die Innenstadt attraktiver werden soll. Nun sind sie eingemottet, zum Frühling sollen sie wieder zum Vorschein kommen. Auch erste kleine Abenteuer haben sie bereits überstanden: In der Hitze des Hochsommers sind einige Stuhlbeine in den Fugen des Kopfsteinpflasters versunken – die, die drauf saßen, blieben entspannt.

Lörrachs Burghof startet in neue Ära mit Sadovnik
Lörrachs gute Nachricht ist ein Import aus Wien: der neue Burghof-Geschäftsführer Timo Sadovnik. Das Tischtuch zwischen seinem Vorgänger und der Stadt war zerrissen, der Gemeinderat uneins über die Zukunft des Kulturhauses, das hohe Defizite einfuhr, dazu kam die Corona-Krise. In dieser Lage übernimmt Sadovnik im März 2022. Sein erstes Jahr ist kein leichtes: Das Publikum ist zurückhaltend mit Ticketkäufen. Die "Stimmen"-Konzerte in Arlesheim, mit denen er die ersten Akzente als Intendant hätte setzen können, muss er absagen.

Aber Sadovnik schafft es, die Stadt und selbst die skeptischsten Gemeinderäte zu vereinen. Er sucht das Gespräch mit der Politik, mit den anderen Kulturschaffenden der Stadt, die sich vom großen Haus immer etwas zurückgesetzt fühlten. Seine freundliche, verbindende und bescheidene Art wirkt. Die Stimmung dreht von Resignation zu Optimismus, dass die Kultur, der Burghof und das Stimmen-Festival in Lörrach mit ihm in eine neue Ära aufbrechen können.

Ein "Leuchtturmprojekt" in Emmendingen
Lange hatten sie warten müssen, doch nun ist ihr Herzensprojekt auf der Spur: Zehn Jugendliche mit Handicap träumen mit ihren Eltern seit Jahren von einer integrativen und selbstverantworteten Wohngruppe im Emmendinger Stadtzentrum. Sie soll dank des Elternvereins "Zusammen erLeben" trotz des hohen Betreuungs- und Pflegeaufwands dem Leben in den eigenen vier Wänden möglichst nahe kommen. Nach dem Ende ihrer Schulausbildung in der Heimschule im Stadtteil Wasser mussten die Jugendlichen, die sich teilweise seit dem Kindergarten kennen, zurück in ihr Elternhaus – zu alt für das Internat, zu jung für das Pflegeheim.

Mit dem Bau des Quartiers Dreikönig durch die Wohnbaugenossenschaft Bogenständig wird der Traum nun Wirklichkeit. Das Freiburger Unternehmen um Vorstand Willi Sutter errichtet auf dem 5000-Quadratmeter-Areal im Hinterhof einer Emmendinger Traditionsgaststätte 33 Wohneinheiten für Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben. Neben den Jugendlichen sollen dort auch an Demenz erkrankte Senioren, psychisch Erkrankte und ehemalige Wohnsitzlose ein Zuhause finden. Das auch wegen seiner nachhaltigen Holzbauweise als "Leuchtturmprojekt" gelobte 20 Millionen Euro teure Bauvorhaben soll bis Ende 2023 bezugsfertig sein.

Chorwärts immer, rückwärts nimmer
"Endlich wieder Chorgesang!": Was Jan Elert, der Präsident des Chorverbandes Breisgau, als "Aufbruch nach Corona" ausrief, sorgte unter dem Namen "Chorwärts! – Freiburg" für ein farbenfrohes und vor allem klangvolles Wochenende Anfang Juli in Freiburg. Dabei war das Festival nicht allein eine Folge der Pandemie und der Kultur-Lockdowns, sondern ein schon länger geplantes Signal der Vernetzung.

Was einst in den Innenhöfen an lauen Sommerabenden an Chorauftritten in der Altstadt begonnen hatte, gelang 2022 größer und facettenreicher. 2200 Sängerinnen und Sänger – 63 Chöre aller Genres und Sparten – verwandelten Freiburg an zwei Tagen auf drei Schauplätzen in einen Openair-Konzertsaal. Das ist die eigentlich positive Botschaft: Hier wurde etwas auf die Beine gestellt, wurden Brücken geschlagen. Ein Konzept mit Zukunftspotenzial – was der angereiste Präsident des Deutschen Chorverbandes, Alt-Bundespräsident Christian Wulff, äußerst bemerkenswert fand. Chorwärts immer, rückwärts nimmer …