Wenn das Spiegelzelt kommt

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 01. Oktober 2022

Staufen

Die Location macht auch die 32. Staufener Kulturwoche zu etwas Besonderem / Start am 7. Oktober.

(BZ). Die Staufener Kulturwoche ist etwas Besonderes. Ein solch dichtes Kleinkunstprogramm mit 10 Vorstellungen an zehn Tagen mit Spitzenkünstlern, renommierten wie Entdeckungen, findet man im weiten Umkreis kaum. Doch noch besonderer wird die Kulturwoche, die heuer ihre 32. Auflage erfährt, durch ihre Location, ein historisches Spiegelzelt, in dem es jeweils auch ein hervorragendes Catering gibt. Festivalleiter Germar Seeliger vom Staufener Kulturdezernat erzählt, was es mit dem Spiegelzelt auf sich hat.

So manch Staufener wird sich dieser Tage gewundert haben, als ein besonders langer Sattelschlepper mit belgischem Nummernschild ganz langsam über die Anna-Brücke rollte und auf den abgesperrten, leeren Parkplatz dahinter abbog. Viel Zeit zum Wundern blieb aber nicht, denn schon sah man aus einem Begleitfahrzeug kräftige junge Männer springen, die zielstrebig die hintere Tür des riesigen Anhängers öffnen. Der ist randvoll geladen, aber jeder Einzelne weiß ganz genau, was zu tun ist. Holzplanken werden herausgezogen, lange Eisenstangen beiseitegelegt, große Planen ausgebreitet. Die Metallstangen werden sodann konzentrisch ausgelegt, im großen Rund darum Holzwände aufgestellt und bald lässt sich erkennen, was hier entstehen soll – das historische Spiegelzelt "Majestic", Heimstatt der 32. Staufener Kulturwoche.

Das "Majestic" gehört der belgischen Familie Klessens, die schon in der Vergangenheit jedes Jahr aus Belgien anreiste, um das Spiegelzelt in der Fauststadt aufzubauen – bis 2019 die Pandemie einen vorläufigen Schlusspunkt setzte. In diesem Jahr soll das Staufener Kulturfestival nun aber wieder im gewohnt-nostalgischen Ambiente stattfinden. Gerry Klessens und seine Helfer arbeiten ruhig und konzentriert, jeder Handgriff sitzt. Beim Aufbau des historischen Spiegelzeltes werden keine Nägel oder Schrauben verwendet, alle Teile werden lediglich zusammengesteckt. Farbige Gläser im Außenrund, handgeschliffene Spiegel an verschnörkelten Holzsäulen, verziertes Milchglas im Windfang, und roter Samt mit Goldstickereien ringsum – alles wird mit geübten Handgriffen zusammengebaut und es entsteht ein Jugendstilpalast, der einen um hundert Jahre zurückversetzt, als Spiegelzelte Treffpunkt tanzlustiger Nachtschwärmer und Vergnügungssüchtiger aller Couleur waren.

Die allerersten dieser Vergnügungstempel wurden um 1900 in Belgien gebaut. Die mobilen, damals noch einfachen Tanzzelte aus Holz und mit einem Dach aus Zeltplanen, innen ausgestattet mit einer kleinen Bühne und romantischen Sitznischen um eine runde Tanzfläche, waren damals der Höhepunkt jeden Jahrmarktes. Sie standen schon bald sinnbildlich für ein wildes Nachtleben und erlangten weitreichende Berühmtheit. Im Jahr 1912 verschlug es den jungen Holländer Willem Klessens nach Lommel in Belgien, wo er sein Brot als Stellmacher und Tischler verdiente. Bald aber erfüllte sich Willem einen Traum. Er kaufte eine Tanzorgel, eröffnete ein Tanzcafé und baute daneben eines der neuen Tanzzelte. 1920 wurde dieses umfassend renoviert, innen mit den aufwändigen Feinheiten aus Glas und Spiegeln ausgestattet und auf den Namen "Kempisch Danspaleis" getauft. Dieses Spiegelzelt war der Hit auf den Jahrmärkten der Region und 1999 wurde das nostalgische Schmuckstück erstmalig nach Staufen geholt – als origineller Austragungsort zum zehnjährigen Jubiläum der Kulturwoche.

Angesichts des wachsenden Erfolges wurden im Familienbetrieb der Klessens schon bald weitere Spiegelzelte gebaut, stets in der gleichen traditionellen Bauweise. So entstand 1935 auch das jetzt in Staufen aufgebaute, etwas größere "Majestic". Seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1920 wird die Familientradition so von Generation zu Generation weitergegeben. 1984 übernahmen Rik Klessens und seine Frau Liliane das Traditionsunternehmen, jetzt kamen die prächtigen Veranstaltungszelte auch international immer mehr zum Einsatz. Heute repräsentieren zwei der drei Kinder der beiden die vierte Generation der flämischen "Spiegelzelt-Könige", Gerry Klessens und seine Schwester Ariane.

Am Ankunftstag arbeiten die erfahrenen Zeltbauer noch bis spät in den Abend und bereits früh am nächsten Morgen geht es weiter. Zwei bis drei Tage dauert der Aufbau des Zeltes insgesamt. Aber damit ist es nicht getan. Auch auf dem Platz rings um das entstehende Spiegelzelt herrscht geschäftiges Treiben. Große Container werden zentimetergenau am vorgesehenen Standort abgesetzt, Lastwagen bringen ständig neues Equipment und Paletten voller Polsterstühle werden ausgeladen. WC-Container und eine mobile Heizanlage müssen angeschlossen, eine vollständige Küche hinter der Theken-Bar aufgebaut und die Künstlergarderobe eingerichtet werden. Spiegel werden aufgehängt, Schminktische und Garderobenständer aufgestellt, überall wird eifrig gehämmert und gebohrt. Elektriker verlegen Kabel, Installateure Wasserleitungen und ab und an wagen neugierige Zuschauer einen Blick hinter die geheimnisvollen Bretterwände, während draußen das Gelände mit Baugittern umzäunt wird. Im Innern des Zeltes zimmert Stadt-Schreiner Markus Späth an einer größeren Bühne, die Männer um Philipp Schuler, Chef der Staufener Firma Tec-Zone, bauen die Infrastruktur auf, richten im Spiegelzelt die Bühnentechnik ein und werden die kommenden Abende auch veranstaltungstechnisch betreuen. Inzwischen ist es dunkel geworden, die Lichterketten an der Außenfassade erstrahlen zur Probe...