Glosse

Wenn die Warteschlange eine ganz eigene Dynamik entwickelt

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Fr, 13. Mai 2022

Kolumnen (Sonstige)

Wenn das Essensangebot stimmt, stauen sich die Hungrigen vor der Mensa. Das ist normal. Zur Mittagszeit passiert das auch vor den Schaltern der Hauptpost - und das braucht kein Mensch.

Bis zur UB hin stehen die hungrigen Studierenden mittags an fürs Mensaessen. So standen sie gefühlt schon immer. Außer in den Semesterferien. Und wenn’s an einem normalen Tag blöd läuft, sind hundert, zweihundert vor einem da und es dauert eine halbe Stunde, bis man sein gefülltes Tablett an den Tisch tragen kann. An der Hauptpost am Donnerstagmittag reichten 35 Menschen in der Schlange, damit die Postkundinnen und -kunden gleich mal eine geschlagene Stunde anstehen mussten. Zwei der drei geöffneten Schalter sind praktisch ständig mit komplexen Postbankgeschäften ausgelastet, am dritten wird alles erledigt, was sonst noch so zwischen halb zwölf und halb eins in der Post zu tun ist. Einschreiben, Päckchen und Kompliziertes. Wie bei der Mensa stehen auch hier die Wartenden weitgehend ruhig. Bis auf die ganz Kleinen. Die weinen. Und die, deren Mittagspause draufgeht, stöhnen. Über die Dynamik von Warteschlangen gibt es mathematische Formeln. Aber die trösten die kleinen Kinder nicht und geben den Wartenden die Mittagspause nicht zurück, in der – so vermuten Unmutige – die sieben anderen Schalterbeamten gerade sind. Dynamik allerdings kommt in die Warteschlange, als eine beherzte Kundin ihren Warteplatz aufgibt und die Mutter vorlässt. Die ohnehin viel schnellere Mensawarteschlange ist Kult und gehört irgendwie dazu. Aber die Post braucht solche Warteschlangen wirklich nicht.