Helios-Klinik Müllheim

Wie ein 83-Jähriger seine schwere Covid-19-Erkrankung überstand

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Fr, 31. Juli 2020 um 17:39 Uhr

Müllheim

Mitte März infizierte sich ein 83-Jähriger aus dem Markgräflerland mit Sars-CoV-2 - und zwar so schwer, dass er auf die Intensivstation musste. Die Krankheit hat viel für ihn verändert.

Der 83-jährige W.* aus dem Markgräflerland war einer der ersten Covid-19-Patienten in der Helios-Klinik in Müllheim. Mitte März wurde er dort aufgenommen. Die Zahl der mit dem Coronavirus-Infizierten in Deutschland hatte gerade begonnen, exponentiell anzusteigen. Er war zuvor an einem Tag mehrfach gestürzt, einmal sogar bewusstlos gewesen, auch Fieber hatte er gehabt. Sein Sohn, gerade zu Besuch aus Berlin, brachte ihn in die Klinik.

In der Helios-Klinik wird W. aufgenommen, auf der zu diesem Zeitpunkt bereits speziell für Patienten mit Verdacht auf eine Covid-19-Erkrankung eingerichteten Station, drei Tage später jedoch wieder entlassen. Er scheint stabil, ein Test auf Grippe (Influenza) fällt negativ aus, das Ergebnis des Corona-Tests lässt, wie es zu Beginn der Pandemie häufiger vorkam, auf sich warten. Bei W. sollte der Test positiv ausfallen. Noch am Abend seiner Entlassung wird ihm der Befund mitgeteilt, am Tag darauf wird er erneut stationär in der Helios-Klinik Müllheim aufgenommen.

"Die Pflege der Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, ist hochaufwendig."Pflegedirektorin Kerstin Harms
Zunächst auf der Covid-19-Station, eine Normalstation – doch sein Zustand verschlechtert sich. Nach fünf Tagen wird er auf die Intensivstation verlegt und ins künstliche Koma versetzt. Er muss künstlich beatmet werden. Um die Beatmungstherapie zu verbessern, wird vom Pflegepersonal regelmäßig ein Wechsel zwischen Rücken- und Bauchlagerung durchgeführt, so soll die Lunge besser belüftet und durchblutet werden. "Die Pflege der Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, ist hochaufwendig", sagt Pflegedirektorin Kerstin Harms. Erschwerend hinzu kommen die aufwendigen Schutzmaßnahmen, mit der das medizinische Personal sich selbst und andere vor Ansteckung schützt. "Es gab Tage, an denen ich nicht sicher war, ob das ein gutes Ende nimmt", sagt W.s Sohn rückblickend. Doch es wird besser. Langsam, von Tag zu Tag. Nach etwa zehn Tagen hat W. sich soweit erholt, dass er selbständig atmen und auf die Covid-19-Normalstation zurückverlegt werden kann. Nach etwa einem Monat in der Helios-Klinik Müllheim wechselt er in eine Rehaklinik, Stehen und Gehen sind nach der schweren Erkrankung unsicher geworden; nach einem weiteren Monat dort geht es nach Hause.

Die Helios-Klinik in Müllheim war stark betroffen

Die Müllheimer Klinik sei in der Spitze der Corona-Pandemie im Helios-Unternehmen eine der am stärksten betroffenen Kliniken gewesen, nicht nur in Relation auf die Größe der Klinik, sagt der Ärztliche Direktor der Helios-Klinik Müllheim, Hartmut Ehrle-Anhalt. Innerhalb von zwei Monaten ab Mitte März wurden dort 92 Patienten behandelt, darunter etwa 15 Prozent sehr schwere Verläufe, bei denen die Patienten künstlich beatmet werden mussten. "Wir waren überrascht, wie heftig es uns getroffen hat", sagt Ehrle-Anhalt. Die Behandlung der Patienten sei jedoch in vielen Fällen gut verlaufen. So auch bei W. Für die Schwere der Erkrankung sei der Verlauf optimal gewesen, sagt Ehrle-Anhalt. Und das, obwohl W. mit 83 Jahren zur Risikogruppe gehört. Doch vermutlich habe er gute Voraussetzungen gehabt: keine Vorerkrankungen, kein Übergewicht, Nichtraucher, körperlich, geistig und sozial rege, sagt Ehrle-Anhalt. Doch wie so vieles andere an dem neuartigen Coronavirus lässt sich das bislang nicht abschließend klären. Offen ist auch, warum sich W.s Sohn trotz der Nähe zu seinem Vater nicht angesteckt hat. Oder inwieweit W. nun immun gegen das Virus ist.

W. hat kaum Erinnerungen an die Zeit in der Helios-Klinik. Nur seine Träume seien noch da, sagt er, in denen sich Realität und Fantasie mischten. Wo genau er sich mit dem Coronavirus ansteckte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. W. kam viel mit Menschen in Kontakt, auch mit Infizierten, wie sich im Nachhinein herausstellte – mutmaßlich kam es dabei zur Übertragung. Aber auch ein Besuch im Elsass zwei Tage vor den ersten Symptomen ist denkbar.

Die Familie rückte zusammen

Der 83-Jährige ist dankbar, die Krankheit überstanden zu haben – und trotz allem auch für die Zeit an sich, sagt er. Die Familie sei zusammengerückt. Vor allem sein Sohn wich ihm nicht von der Seite. Ursprünglich wollte er nur eine Woche im Markgräflerland bleiben. Am Ende waren es fünf Monate. Sein Sohn und er hätten viel nachgeholt, sagt W. "Er ist einsichtiger geworden", sagt dieser seinerseits über seinen Vater. Nach seiner Rente kam W. von Berlin ins Markgräflerland, Sohn und Tochter blieben in Berlin. Oft baten sie den Vater, zurückzukommen, mehr in ihre Nähe, immer verweigerte sich dieser. Die Krankheit änderte das. Mittlerweile wohnen alle drei wieder in Berlin. Nah beieinander.
*Mit dem Patienten wurde vereinbart, seinen Namen nicht zu nennen.

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