10 Jahre YouTube

Wie eine 22-jährige Studentin mit Internet-Videos Geld verdient

Max Schuler

Von Max Schuler

Sa, 14. Februar 2015 um 12:06 Uhr

Merzhausen

Bei vielen Jugendlichen hat YouTube das Fernsehen ersetzt.Die 22-jährige Maren Haase aus Merzhausen schaut nicht nur Youtube, sondern hat dort einen eigenen Kanal. Ein Besuch in ihrem Studio.

Maren beißt in eine Zitrone und verzieht das Gesicht, sie preist einen Bambi-Schlafanzug an oder erzählt, dass sie für ihr Germanistikstudium die Poetik von Aristoteles lesen muss. Marens Videokonzept lautet: Maren sein. Auf ihre Zuschauer möchte die Studentin wie eine gute Freundin wirken. Sie will vor Fehleinkäufen warnen, Schminktipps geben und Serien empfehlen. Manchmal reißt sie flache Witze. "Ich geh von mir aus: Auch ich will mir durch Youtube Tipps von normalen Menschen holen und nicht von Stars."Das ist ein Erfolgsrezept, das hinter Youtube steckt: Dort sieht man keine Schauspielprofis, sondern Protagonisten aus dem echten Leben.

Maren sendet aus einer Erdgeschosswohnung in ihrem Elternhaus. Weißes Ikea-Bett, Papierschmetterlinge an der Wand, Konzertkarten von Justin Timberlake baumeln am Regal. Auf dem Fenstersims steht eine Kamera mit Stativ. Maren macht alles alleine. Sie moderiert, dreht, schneidet und lädt das Video ins Netz. Sie verhaspelt sich kaum und sagt mit einem unschuldigen Lächeln, warum sie die Pfirsich-Kokosnuss-Haarkur eines großen Drogeriekonzerns für den absoluten Flop des Monats hält. Das Logo des Herstellers hält sie vor die Linse. Nach zwei bis drei Stunden ist das Gesagte online und nahezu weltweit verfügbar.

Youtuber erreichen eine Zielgruppe, für die die Werbeindustrie jährlich Millionen Euro ausgibt: Teenager und Mittzwanziger. Wer regelmäßig Videos hochlädt, kann einen eigenen Kanal kreieren, den die Zuschauer abonnieren können. Zu sehen gibt es dort beispielsweise Menschen, die sich beim Zocken und Kommentieren von Computerspielen filmen. Einer der erfolgreichsten Youtuber in Deutschland ist in dieser Hinsicht der 37-jährige Erik Range alias Gronkh. Er hat knapp 3,5 Millionen Abonnenten. Den Kanal "Maren Vivien" von der Merzhauser Studentin haben laut Youtube-Statistik 2837 Menschen abonniert. 65 Prozent der Zuschauer sind zwischen 13 und 24 Jahren alt. Älter als 55 Jahre ist keiner. Fast 90 Prozent ihrer Abonnenten sind weiblich.

Google kassiert, die Youtuber bekommen einen Bruchteil

Vor beliebten Youtube-Videos laufen Werbespots. Bevor Maren von ihren neuesten Einkäufen bei einem Textildiscounter in Karlsruhe erzählen kann, wirbt der ehemalige Kapitän der Fußballnationalmannschaft, Michael Ballack, für Urlaubsreisen oder Clint Eastwood für seinen neuen Kinofilm American Sniper.

Für die Vermarktung sorgt Youtube. Die Plattform ist Teil des Suchmaschinenkonzerns Google. Der Internetgigant kassiert den Großteil der Werbeeinnahmen – in den meisten Fällen erhalten die Produzenten der Videos nur einen Bruchteil. Maren darf nicht über Geld sprechen – so steht es im Vertrag mit Youtube. Sie verdiene aber im Monat mit ihren Videos so viel wie bei einem kleinen Nebenjob: "Die würden sich sicher kein Bein ausreißen, wenn sie uns Youtubern ein bisschen mehr Geld zahlen würden", sagt sie.

Vereinzelt bekommt sie Anfragen von Unternehmen, die ihr Gutscheine anbieten. Sie soll sich Produkte im Onlineshop der Firmen aussuchen und sie anschließend in ihren Videos präsentieren. Bei einem Haar-Stylinggerät habe sie eine Ausnahme gemacht und zugegriffen. "Mir ist aber meine Glaubwürdigkeit wichtig, deswegen würde ich das nur bei Firmen machen, die zu meinem Kanal passen", sagt Maren. Sie würde keine überteuerten Produkte anpreisen, nur um zu zeigen, wie cool sie sei. "Es gibt aber auch Youtuber, die gierig sind und alles haben wollen, das sie von Firmen angeboten bekommen", so die junge Frau.

Maren sagt über sich selbst, dass sie früher in der Schule schüchtern war. Ein Bücherwurm und Harry-Potter-Fan ist sie geblieben. Am Unterarm trägt sie das Tattoo einer Hirschkuh. Mit 16 Jahren habe sie angefangen, HipHop zu tanzen, und startete später ein Modeblog. Seit Februar 2013 lädt sie Videos ins Internet. "Dadurch bin ich viel offener geworden, gehe mehr auf Leute zu und vertrete auch außerhalb des Internets meine Meinung."

Vor bösen Kommentaren sei sie bisher weitgehend verschont geblieben. "Wenn jemand mal schreibt: ’Du bist hässlich und stinkst’, lösche ich den Beitrag", sagt Maren. Konstruktive Kritik und auch Anregungen für neue Videos seien willkommen. Sie wolle es ihren Zuschauern nicht recht machen, sich nicht anbiedern, auch wenn ihr die Akzeptanz beim Publikum sehr wichtig ist. "Wenn die Leute ein Video über Schmuckketten sehen wollen, mache ich das – aber auf meine Weise." Eine nicht einfache Gratwanderung.

Es kommt auch vor, dass sie über die Kommentarfunktion angebaggert wird. Nach einem Blick in die Statistik fragt sie sich, welche Jungs und Männer das sind, die ihre Schminkvideos immer so toll finden. Das will sie dann aber doch nicht so genau wissen, gesteht sie: "Das ist meine kleine Welt, da will ich keine schlechten Dinge drin haben."

Maren streut vor der Kamera immer wieder Privates ein. Über Beziehungen und ihre Familie spreche sie nicht. Auch zu politische Themen wolle sie sich nicht äußern. Dennoch erfährt man über Maren, dass sie heiraten will, maximal ein Kind möchte, wen sie zuletzt geküsst hat und dass sie nicht nackt in einer Zeitschrift posieren würde. Vorausgesetzt, das, was sie sagt, ist echt – und dieses Versprechen hat sie ihren Zuschauern ja gegeben.

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