Bestattung

Wie Hinterbliebene an der Schweizer Grenze den Friedhofszwang umgehen

Peter Schütz

Von Peter Schütz

Di, 11. Juni 2019 um 16:30 Uhr

Kreis Waldshut

In Baden-Württemberg müssen Verstorbene ihre letzte Ruhe auf offiziellen Friedhöfen finden – anders als in der Schweiz. Die Angehörigen von Hans J. haben das Gesetz umgangen.

Ruhe sanft, aber warum nicht unter dem Lieblingsbaum im eigenen Garten? In der Urne auf dem Kaminsims? Was in Deutschland, mit wenigen Ausnahmen wie in der Stadt Bremen, untersagt ist, funktioniert bei unseren helvetischen Nachbarn. Denn die Schweiz kennt keine gesetzliche Pflicht zur Beisetzung, auch Friedhofszwang genannt. In Baden-Württemberg hingegen müssen Verstorbene ihre letzte Ruhe in Gräbern auf offiziell als Friedhof ausgewiesenen Flächen finden. Aber es gibt Grauzonen.

Diese Grauzonen werden immer häufiger genutzt, wie Beispiele vom Hochrhein zeigen. Hans J. aus einer Kleinstadt am Hochrhein war Zeit seines Lebens ein passionierter Gärtner. Sein Garten war ihm der Himmel auf Erden. Das wussten auch seine Angehörigen. Nachdem er gestorben war, suchten sie deshalb nach einer Möglichkeit, die sterblichen Überreste nach der Feuerbestattung nicht auf einem Friedhof, sondern auf dem eigenen Grundstück unter einem Baum im Garten beizusetzen. "Uns war bewusst, dass wir damit gegen das Gesetz verstoßen", erzählt ein Angehöriger des Verstorbenen.

Denn das Bestattungsgesetz des Landes Baden-Württemberg schreibt vor, dass "die Asche eines Verstorbenen nur auf Bestattungsplätzen beigesetzt werden darf". Ein Verstoß gegen diese Verordnung ist auch in der Praxis schwierig, weil den Angehörigen die Asche des Verstorbenen in der Regel nicht ausgehändigt werden darf. Mit einem Trick fand der verstorbene Hobbygärtner seine letzte Ruhestätte aber doch im heimischen Garten. "Natürlich haben wir damit eine Ordnungswidrigkeit begangen", ist sich der Angehörige bewusst. "Aber das wäre auch im Sinne des Verstorbenen gewesen."

Überführung des Leichnams in ein Krematorium nach Liestal

Die Heimbeisetzung von Hans J. erfolgte wie bei jedem Todesfall: Zuerst mussten die Angehörigen die Leichenschau durch einen Arzt oder eine Ärztin unverzüglich veranlassen, danach wurde ein Bestatter bestellt. Dieser übernahm die Überführung des Leichnams in ein Krematorium nach Liestal im schweizerischen Kanton Baselland. Die deutschen Behörden wollten lediglich die Bestätigung haben, dass der Leichnam ausgeführt wird.

Für diesen Fall schreibt das baden-württembergische Bestattungsgesetz eine zweite Leichenschau vor. Der deutsche Bestatter hatte dann dem Krematorium zu bestätigen, dass die Asche nicht in der Schweiz bleibt – "da reicht eine Unterschrift", berichtet der Angehörige dieser Zeitung. Danach kam die Urne mit der Asche des Verstorbenen wieder zurück zu seiner Familie an den Hochrhein. Dieser Akt wird auch als "Re-Import" bezeichnet. "Eigentlich ist es ganz simpel", hält der Angehörige von Hans J. fest. Ist ein Leichnam einmal ins Ausland überführt, hat sich die Angelegenheit für den deutschen Staat und somit jede Gemeinde amtlich erledigt.

Die Grauzone, in der sich die Familie von Hans J. bewegt hat, ist darauf zurückzuführen, dass in der Regel niemand kontrolliert, ob und wo und wie ein Leichnam oder eine Urne beigesetzt wird. Diesen Umstand begründet Uwe Böhler von der Ortspolizeibehörde der Stadt Waldshut-Tiengen so: "Wir haben keinen lückenlosen Zugriff auf den Verstorbenen oder die Verstorbene und das soll und muss laut Gesetz auch nicht so sein. Auch endet unsere Zuständigkeit an der Grenze. Wird eine Leiche ins Ausland überführt, kann mit dieser nach der dortigen Gesetzgebung umgegangen werden."

Aber: Wird der Verstorbene wieder nach Deutschland überführt, greift die deutsche Gesetzgebung und die Bestattungspflicht auf einem Friedhof – egal, ob es sich dabei um eine Urnenbeisetzung oder um eine Sargbestattung handelt. Dass eine Urne mit den eingeäscherten Überresten im privaten Bereich die letzte Ruhe findet, ist theoretisch nicht möglich, weil die Feuerbestattungsanlagen (Krematorien) die Asche nur wieder heraus geben dürfen, wenn gewährleistet ist, dass diese am vorgesehenen Ort beigesetzt wird. Meist wird die Urne direkt wieder an das Bestattungsunternehmen übergeben, das mit der Bestattung durch die Hinterbliebenen beauftragt wurde.

Friedhofszwang diente früher dem Schutz vor Seuchen

Aber was ist mit dem Zoll? Schließlich muss die Urne aus der Schweiz wieder nach Deutschland zurückgeführt werden. "Sie können einfach nur durchfahren", erklärt Mark Eferl, Pressesprecher am Hauptzollamt in Singen, "da gibt es nichts zu beachten". Konkret: Für die Ausfuhr eines Leichnams in die Schweiz, egal ob im Sarg oder eingeäschert, gibt es keine Formalitäten zu beachten, somit besteht keine Anmeldepflicht – umgekehrt auch nicht. Denn eine Urne oder eine Leiche wird nicht als Ware eingestuft, weswegen keine Zollgebühren anfallen.

Der über 200 Jahre alte Friedhofszwang diente früher dem Schutz vor Seuchen. Aber mit der Einäscherung eines Leichnams in einem Krematorium besteht diese Gefahr nicht. Weshalb der Friedhofszwang insbesondere an der Grenze immer häufiger umgangen wird. In der Schweiz herrscht ein liberaleres Bestattungsgesetz als in Deutschland. Erdbestattungen sind zwar auch dort nur auf Friedhöfen möglich. Aber der Umgang mit der Asche der kremierten Verstorbenen ist frei. Urnen dürfen im eigenen Garten versenkt oder im Bücherregal aufgestellt werden. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich Naturbestattungen wie Bergwiesen-, Bergbach-, Wasserfall-, Fels- oder Gletscherbestattung – vieles ist möglich. Wem Friedhofsgemäuer zu eng sind, kann problemlos in die Natur ausweichen. Oder in den Himmel, denn Flugbestattungen sind auch gefragt.

Der Friedhof als traditioneller Ort der letzten Ruhe – nicht alle wollen das. Um den Wünschen eines vor Kurzem gestorbenen Waldshuters zu entsprechen, fand kürzlich auf der Schweizer Seite am Rheinufer im Waldshut-Tiengener Raum eine Flussbestattung statt. Zusammen mit der Asche des Verstorbenen, nahm das Rheinwasser Blumen mit, die vom Ufer aus von den Trauergästen ins Wasser geworfen wurden. "Es ist eine schöne Vorstellung, zusammen mit Blumen raus in die Welt gehen", sagt ein Waldshuter, der eng mit dem Verstorbenen verbunden war.