Selbsttötungen im öffentlichen Raum

Wie Hinterbliebene und Zeugen einen Suizid erleben – und eine Stadt mitleidet

Lisa Böttinger, Stefan Hupka und Patrik Müller

Von Lisa Böttinger, Stefan Hupka & Patrik Müller

Sa, 13. April 2019 um 14:40 Uhr

Gesundheit & Ernährung

BZ-Plus In Emmendingen ist die Zahl der Schienensuizide 2018 deutlich angestiegen. Die Nähe zur Psychiatrie allein erklärt das nicht. Spurensuche zu einem häufigen Verhängnis – und Wegen aus der Krise.

Heidi W.* weint nicht mehr, wenn sie von ihrer toten Tochter erzählt. Die Mittsechzigerin sitzt zurückgelehnt an einem runden Tisch. Der kleine Raum hat sonst nur eine bunte Couch und schmale, viel zu hoch liegende Fenster, als dass es hier jemals richtig hell werden könnte. Draußen dämmert ein kühler Frühlingstag. "Klara* ist immer noch da", sagt sie, sie klingt überzeugt. Sie ist da, wie sie "Ajajas" sagt statt Ananas, als kleines Mädchen. Sie ist da, wie sie Saxophon spielt, zuhause, in einer kleinen Gemeinde im Landkreis Emmendingen. Und sie lebt in den Gesprächen von Heidi W. und ihrem Sohn, der 16 war, als Klara sich das Leben nahm, gerade volljährig.
Warum wir berichten
Mit Berichten zum Thema Selbsttötung ist diese Zeitung – wie die meisten anderen Medien – äußerst zurückhaltend. Wir folgen damit dem Rat von Fachleuten, die auf Nachahmungsrisiken hinweisen. Die BZ greift dieses Thema dennoch aus zwei Gründen auf: Es gab in der Region 2018 eine Häufung von Suiziden im öffentlichen Raum. Das betrifft eine große Zahl von Menschen in der Region unmittelbar. Über Ursachen und Wirkungen haben wir deshalb mit Medizinern, Einsatzkräften und Angehörigen gesprochen. Vor allem aber: Wir stellen einen Mann vor, der einen Suizidversuch überlebt hat und am eigenen Beispiel zeigt, dass es Trost, Rat und Hilfe gibt. Seine Botschaft: Um dein Problem zu beenden, musst du nicht dein Leben beenden. hup
16 Jahre wird im Dezember auch Klaras Tod her sein. Trotzdem geht Heidi W. noch immer zum Arbeitskreis Leben (AKL) in Freiburg, jeden Monat, zwei Stunden lang. Die Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene nach Suizid richtet sich an Menschen, die den ersten Schock eines solchen Verlustes überwunden haben. Das Gespräch mit anderen Betroffenen, "das braucht man ein Leben lang", sagt ein Vater, der es wissen muss. Fast alle Teilnehmer hier haben ein jugendliches Kind verloren.

Nach aktuellen Studien beeinflusst ein einziger Suizid bis zu 135 Menschen in seinem direkten Umfeld
Trauernde Eltern sind nicht die Einzigen, die mit einem Suizid in ihrem Umfeld zu kämpfen haben. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation beeinflusst ein Suizid mindestens sechs weitere Menschen: Freunde, Lehrer, Kollegen oder Mitschüler seien danach oft selbst auf psychologische Hilfe angewiesen. Eine Studie der American Association of Suicidology von 2018 erweitert die Zahl drastisch: Bis zu 135 Betroffene könne ein Suizid zurücklassen, denke man an die Rettungskräfte oder Passanten, die bei Suiziden im öffentlichen Raum unfreiwillig Zeugen werden.
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