Wie Kinder zu Lebensrettern wurden

Claudia Müller

Von Claudia Müller

Sa, 23. November 2019

Breisach

In Breisach wurde der polnische Dokumentarfilm "Das geheime Netz des Guten um Auschwitz" gezeigt.

BREISACH. Es war ein besonderes Geschenk, das die Filmemacher aus Oswiecim ihrer Partnerstadt Breisach überreichten. "Das geheime Netz des Guten um Auschwitz" heißt der Dokumentarfilm, der im Kommunalen Kino nun erstmalig in deutscher Synchronisation gezeigt wurde. Zur Finanzierung der professionellen deutschen Sprecher hatten auch die beiden Breisacher Vereine "Freundeskreis Oswiecim" und "Für die Zukunft lernen" beigetragen.

Brot ins Lager geschmuggelt
Zwei Laib Brot habe sie bekommen, erzählt die alte Dame, die im Breisacher Kino an die Leinwand projiziert wird. Die habe sie, in Scheiben geschnitten, in einem Korb verstaut und unter einem Haufen feuchter Wäsche verborgen, um sie so ins Konzentrationslager Auschwitz zu schmuggeln. Auf dem Weg dahin aber sei sie gestolpert, auf dem ganzen Boden sei das Brot verteilt gewesen und auf der Mauer hätten Häftlinge mit Soldaten in Uniform gestanden, die laut lachten, während sie die Scheiben einsammelte.

Sie habe das Brot doch nicht einfach liegen lassen können, sagt die Frau auf Polnisch, die deutsche Synchronisationsstimme ist darüber gelegt, und sie lacht selbst, als sie davon erzählt. Die Dame lacht, der Zuschauer ist irritiert. Kindheitserinnerungen an Auschwitz? Ist dieses Lachen nicht naiv, irgendwie unanständig? Immerhin geht es um Auschwitz, den Erinnerungsort europäischen Horrors.

Zivilcourage der Bevölkerung
Die rund 20 Zeitzeugen, die in den Interviews des Films zu Wort kommen, waren Kinder, als das nationalsozialistische Deutschland ins polnische Nachbarland einfiel. Sie sind die letzten Überlebenden, die erzählen können, wie die alte Stadt Oswiecim überhaupt zu Auschwitz und damit zur Chiffre für den systematischen nationalsozialistischen Völkermord wurde. Unter den Interviewten ist auch der Großvater der beiden Cousinen Barbara Daczynska und Magdalena Plewa-Ould, die gemeinsam mit dem Regisseur Jaroslaw Wilczak sechs Jahre lang an der Dokumentation gearbeitet haben.
Die Geschichte der geheimen Helfer um Auschwitz ist also aus der Sicht der Kinder Oswiecims erzählt. Diese Perspektive bestimmt die chronologische Ordnung des Dokumentarfilms, der mit dem Einmarsch der Wehrmacht und der Umbenennung Oswiecims in Auschwitz beginnt.

KZ in direkter Nachbarschaft
Diese Stadt ist der Schauplatz und konsequent bleibt der Film bei ihr und ihren Bewohnern. Um Platz zu schaffen für den riesigen Lagerkomplex, zu dem auch das Stammlager Auschwitz und das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gehörten, wurden zahlreiche Familien zur Umsiedlung gezwungen, Felder und Straßen zum Sperrgebiet erklärt. Sehr zurückgenommen sind zwischen den einzelnen Interviewausschnitten kurze Kommentare eingefügt, die über den historischen Hintergrund informieren. Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen die Menschen und ihre Erinnerungen an eine Kindheit unter den Bedingungen von Besatzungsherrschaft, Lebensmittelrationierung und einem Arbeits- und Vernichtungslager in der direkten Nachbarschaft.

Unter Einsatz des Lebens
Es sind die Anekdoten der Zeitzeugen, mit denen sich Stück um Stück ein Bild vom Oswiecim jener Jahre zusammensetzt. Es geht um den Vater, der sein Pausenvesper nicht essen mag, weil ihm angesichts des Elends bei der Ankunft der ersten Häftlingszüge der Appetit vergangen ist. Es geht um Väter, die besorgt die Hände überm Kopf zusammenschlagen, als sie die konspirativen Kochtöpfe sehen, in denen die Frauen Eintöpfe kochen, die die Kinder dann zu den Zwangsarbeitern auf die Felder schmuggeln. Von einem Dankesbrief aus dem Lager erzählt eine Zeitzeugin, unter Tränen eine andere von ihren Eltern, die wegen ihrer Hilfe für die Häftlinge selbst im Lager verschwanden, und vom Vater, der von dort nie mehr wiederkam.

Diese konkrete Lebensgefahr steht im krassen Widerspruch zur Naivität der Kindheitserinnerungen. In der Erzählung erscheint manches als Abenteuer, und es scheint dabei fast unerheblich, ob die beiden Mädchen hinterm Rücken des Vaters mit ihren Proviantkörben ausbüxen oder ob sich die Gruppe Kinder bei ihrem heimlichen Kurierdienst vor den Soldaten im Roggenfeld versteckt.

Aufgezeichnete Erinnerungen
Diese vermeintliche Harmlosigkeit führt jedoch keineswegs zu einer Verharmlosung der Ereignisse. Anliegen und Stärke des Films liegen vielmehr darin, dass er eben keine Geschichte des Naziterrors von Auschwitz rekonstruieren möchte. Genauso wenig aber ist er eine Heldengeschichte über die geheimen Helfer und Widerstandskämpfer, die sich doch allzu leicht von einer polnisch-nationalistischen Politik instrumentalisieren ließe. Im Verzicht einer solchen Vereinnahmung des Gestern liegt ein besonderer Verdienst der Filmemacher.

Sie haben sich dafür entschieden, Erinnerungen aufzuzeichnen, bevor es zu spät ist. Entstanden ist eine überraschend arglose Geschichte, die in der Kindheitserzählung dennoch ihr volles Recht hat. Auschwitz, der museale Ort des Bösen, darf damit auch wieder ein wenig Oswiecim sein. Das historische Bild wird damit dichter, ohne dass Schrecken und Mahnung ersetzt würden.