Wieder ein Putsch in Westafrika

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Di, 07. September 2021

Ausland

Militärs stürzen den unbeliebten Präsidenten von Guinea.

. Mit einem vierten Coup innerhalb eines Jahres hat Afrika seinen Ruf als globale Hochburg der Putschisten bestätigt. Nach zwei Staatsstreichen in Mali und einem im Tschad war am Sonntag Guinea an der Reihe – mit einem Umsturz, dessen Skript aus einem Handbuch für Obristen stammen könnte.

Rund 50 Fahrzeuge einer zur Terror-Bekämpfung gegründeten Spezialtruppe machten sich am Sonntagmorgen unter ihrem Kommandeur Mamady Doumbouya auf den hundert Kilometer langen Weg von ihrer Kaserne in die Hauptstadt Conakry, wo sich die Elitesoldaten alsbald Gefechte mit der Schutztruppe des Präsidenten Alpha Condé lieferten. Dabei sollen mehrere Uniformierte getötet worden sein, wie viele genau, steht nicht fest. Den Putschisten gelang es innerhalb von zwei Stunden, sowohl den Präsidentenpalast wie die Rundfunkanstalt des Landes zu stürmen: Dort gab der 41-jährige Hüne Doumbouya, der das Kriegshandwerk bei der französischen Fremdenlegion und in der Pariser "École de Guerre" gelernt hatte, vor laufenden Kameras eine Stellungnahme ab.

"Wir sind hier, um das Elend des guineischen Volkes zu beenden", sagte der in eine guineische Flagge gehüllte Oberstleutnant: "Die Zeiten sind vorbei, in der ein einziger Politiker die Geschicke des Landes diktieren konnte." Ein von den Offizieren gebildetes "Nationales Komitee zum Zusammenschluss und zur Entwicklung" (CNRD) werde vorübergehend die Macht an sich nehmen, gleichzeitig aber auch den "Respekt für demokratische Institutionen" wieder herstellen und für einen "offenen, integrativen und friedlichen Übergang" sorgen. Um das beweisen zu wollen, zeigen die Putschisten ein Video: Auf diesem war der entmachtete Präsident sichtlich verwirrt und mit halboffenem Hemd von Soldaten umringt auf einer Couch kauernd zu sehen. "Haben wir Ihnen ein Haar gekrümmt, Exzellenz?", fragt ein Offizier. Der 83-Jährige schweigt.

Alpha Condé war vor elf Jahren als erster Staatschef Guineas durch Wahlen an die Macht gekommen. Alle vorigen Präsidenten des 1958 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassenen Staats hatten sich an die Macht geputscht. Seine Führung der Oppositionspartei "Zusammenschluss des guineischen Volks" (RPG) brachte dem Lehrer mehrere Gefängnisstrafen ein: Nach seiner gewonnenen Wahl 2010 ließ er sich gerne als "Guineas Nelson Mandela" feiern. Bei seinem Amtsantritt versprach er, der grassierenden Korruption ein Ende zu bereiten und die Demokratie im Land zu stärken.

Condé bereicherte sich und verstieß gegen die Verfassung

Mit diesem Programm wurde Condé fünf Jahre später wiedergewählt: Allerdings waren seine Versprechungen auch am Ende seiner zweiten Amtszeit nicht eingelöst. Stattdessen verschaffte sich der Präsident noch eine von der Verfassung eigentlich untersagte dritte Amtszeit – und ließ die Proteste dagegen von Sicherheitskräften niederknüppeln. Bei den Unruhen vor einem Jahr sollen weit über 2000 Menschen getötet worden sein. Zwar sorgte Condé dafür, dass er die anschließenden Wahlen gewann. Von Guineas Nelson Mandela ist seitdem aber nicht mehr die Rede.

Guinea hat die größten Bauxit-Vorräte der Welt. Jährlich werden dort 66 Millionen Tonnen des für die Aluminium-Produktion benötigten Rohstoffs im Wert von fast drei Milliarden Euro gefördert. Der Preis des Bauxit steigt derzeit stark an: Mehr als 70 Prozent der Guineer bekommen von dem Rohstoffsegen allerdings nichts ab. Sie müssen nach UN-Angaben mit knapp drei Euro am Tag auskommen. Unterdessen wurden Berichte über Korruptionsaffären, in die Condé und sein Kabinett verwickelt seien, immer häufiger. Der Präsident erhöhte jüngst sogar sein Gehalt, während die Bevölkerung eine 20-prozentige Preissteigerung des Benzins zu verkraften hatte. Da war es um die Geduld auch der Offiziere geschehen. "Zeit zum Erwachen!", rief Putschistenchef Doumbouya in seiner Fernsehansprache: "Schaut euch mal die Straßen und die Krankenhäuser unseres Landes an!" Tausende zogen nach der Rede des Putschisten jubelnd durch die Straßen der Hauptstadt.

Einmal mehr sehen sich Westafrikas Staatschefs mit der Frage konfrontiert, wie sie mit einem Staatsstreich umgehen sollen, der nicht gegen die Bevölkerung, sondern gegen tatsächliche Missstände gerichtet ist. Offiziell sind ausländische Regierungen gezwungen, Staatsstreiche abzulehnen: So steht es in der Satzung der Afrikanischen Union und des westafrikanischen Staatenbundes Ecowas. Beide werden die Mitgliedschaft Guineas zumindest vorübergehend suspendieren.