Wimmelbild mit Maria Antonia

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Di, 27. August 2019

Kunst

KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM (6): Tom Branes "Stadt der Tagebücher" in Emmendingen.

Für sie muss man kein Museum besuchen: Kunst im öffentlichen Raum ist für jeden zugänglich. Aber auf sie macht auch niemand aufmerksam. Sie ist auf zufällige Begegnung angelegt. Und oft wird sie schlicht übersehen. In einer Sommerserie stellen wir einige dieser Kunstwerke in der Region vor. Heute: Tom Branes "Stadt der Tagebücher" in Emmendingen.

Auf der Wand tobt in das pralle Leben in Gelb und Blau. Menschen küssen sich, spielen Gitarre, arbeiten. Fahrradfahrer rollen über die Straße, ein Pferd zieht eine Kutsche. Eine Königin starrt mit einer Mischung aus Ekel und Entsetzen das dampfende Huhn vor ihr auf dem Teller an. Und eine blonde Frau mit langen Haaren setzt den Füller an, schreibt und schreibt und erzählt die Geschichte einer Stadt und ihrer Menschen.

Viele Pendler kennen das Werk "Stadt der Tagebücher", das der Freiburger Künstler Tom Brane im Frühsommer 2016 auf die Rückseite der Streusalz-Lagerhalle des städtischen Betriebshofs neben dem Emmendinger Bahnhof gemalt hat. 90 Sprühdosen hat er verbraucht, nach vier Wochen war das 49-Meter-Wimmelbild fertig. "Für mich ist jedes Werk wichtig, das ich male", sagt Tom Brane drei Jahre danach. "Aber Emmendingen ist schon von der Größe her was Besonderes."

Nördlich von Offenburg und südlich von Freiburg war Emmendingen über Jahrzehnte vor allem für die Psychiatrie bekannt. Das hat sich durch das im Jahr 1998 gegründete Deutsche Tagebucharchiv geändert. Im Obergeschoss des Alten Rathauses (auch das ist, natürlich, in Tom Branes Werk zu sehen) lagern jetzt abertausend Seiten mit Erinnerungen, Geschichten von Menschen nicht nur aus Emmendingen. "Ich wurde angefragt und sollte ein Konzept entwickeln, das zu Emmendingen passt", sagt Brane. "Und da war die Idee einfach, eine Kombination aus Tagebüchern zu machen, Seiten, die sich ineinanderblättern und geschichtliche Ereignisse darstellen."

Die blonde Frau mit dem Füller ist die Erzählerin. Emmendingens Tagebuchschreiberin quasi. Von ihr ausgehend verlaufen lange Linien über das Wandgemälde. "Alles, was sie aufschreibt, wird symbolisch dargestellt", erklärt Brane. Hans-Jörg Jenne, der Leiter des städtischen Kulturamtes, war bei einer Streetart-Ausstellung auf den gelernten Grafikdesigner Brane aufmerksam geworden, der hatte kurze Zeit später den Auftrag. Brane ging ins Netz und fing an, zu Emmendingen und seiner Geschichte zu recherchieren, er ließ sich von Bekannten Tipps geben. Er stieß auf Hochwasser und Bauernaufstände, aber auch auf die oft erzählte Anekdote der österreichischen Erzherzogin Maria Antonia, die auf Brautfahrt in Richtung Frankreich am 6. Mai 1770 im Gasthaus Krone-Post ihr Hühnchen verschmäht haben soll. Die Österreicherin, die als Marie-Antoinette Gemahlin des französischen Königs werden sollte, war 14 Jahre alt – bei Brane sieht sie älter aus.

Der 1981 geborene Grafikdesigner gehört zu den bekanntesten Streetartkünstlern der Region. Er hat nicht nur Fans. Im Jahr 2016 tobte in Freiburg eine Kontroverse, als eines seiner quietschbunten Wandgemälde mit Blumen- und Bienenmotiven auf einem Haus in der Wiehre aus Denkmalschutzgründen übertüncht werden sollte, bis sich herausstellte, dass das Gebäude gar nicht denkmalgeschützt ist. "Naiver und selbstzufriedener Kitsch", schrieb die Verfasserin eines BZ-Leserbriefs, eine Kunsthistorikern mit Professorentitel. Brane riet ihr, auch per Leserbrief, sie möge bitte mal bei Wikipedia Popsurrealismus nachschlagen.

In Emmendingen gab es keine öffentliche Debatte. Die Stadt als Auftraggeber packte die Hühnchenszene glücklich auf das Titelblatt ihres Jahrbuchs, zeigte das Werk sogar auf einer Doppelseite. "Die Reaktionen waren am Ende ausschließlich toll", sagt Brane. "Ab und zu schicken mir Leute heute noch Fotos, wenn sie mit dem Zug daran vorbeifahren."

Ein Psychiatriemotiv findet sich auf den 49 Metern nicht. "Meine Motive waren so prägnant, dass ich die Klinik nicht mehr eingebaut habe", sagt Brane. "Und irgendwann war der Platz auch voll."