Umgangston

WIR MÜSSEN REDEN: Rückkehr zur Entgleisung

Manuela Müller

Von Manuela Müller

Sa, 25. Juli 2020

Wir müssen reden

"Der Ton ist schon seit Jahren rau", sagt eine Kollegin. Was sie damit meint? Zum Beispiel eine Wortwahl, die die gute Kinderstube vermissen lässt, falsche Anschuldigungen gegen BZ-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, Beschimpfungen am Telefon oder schriftlich – all das landet in der Redaktion.

Doch es gab einen Einschnitt: Zwischen März und Mai zeigten sich die BZ-Leserinnen und -Leser fast immer von ihrer Schokoladenseite. Sowohl am Telefon als auch in Briefen und E-Mails herrschte ein zuvor nur selten geäußertes Gemeinschaftsgefühl vor. Texte voller Wertschätzung für verschiedene Berufsgruppen – auch für uns als BZ-Team – erreichten uns zahlreich. Corona hat das vermeintlich zerrissene Deutschland zu einer solidarischen Gemeinschaft gemacht. Zumindest schien das vorübergehend so.

Mittlerweile ist der Ton in Zuschriften, Online-Kommentaren und am Telefon wieder häufiger rau und rücksichtslos. Fast schon eine Rückkehr zur alten Normalität. Eine Normalität, in der zum Beispiel ein Leser wegen eines kleinen Fehlers den Berufsstand der "Schreiberlinge" als Analphabeten bezeichnet.

Klar, Fehler in der Zeitung sind ärgerlich – für die Konsumenten, aber noch mehr für die Produzenten. Ist ja peinlich! Das macht keine Redakteurin und kein Redakteur absichtlich. Aber es passiert: Beim Satzändern ein Wort vergessen (zu streichen), beim Korrekturlesen ein fehlendes Komma übersehen, einen Buchstaben zu viel. Trotz aller Sorgfalt machen wir Fehler. Das ist menschlich. Die Frage ist, wie lebenseinschränkend solche Fehler sind. Lohnt es sich dafür wirklich, verbal zu explodieren? Wohl eher nicht. Kritik in sachlichem Ton kommt eigentlich überall besser an als Aggression.