"Freut euch nicht zu spät!"

Das Gespräch führte Savera Kang

Von Das Gespräch führte Savera Kang

So, 12. Mai 2019

Wirtschaft

Der Sonntag Sozialunternehmerin Sina Trinkwalder stellt ihr neues Buch in Lörrach vor.

Die Manomama-Gründerin Sina Trinkwalder kommt nach Lörrach, um ihr viertes Buch "Zukunft ist ein guter Ort – Utopie für eine ungewisse Zeit" vorzustellen. Und sie fordert eine Robotersteuer.

Der Sonntag: Frau Trinkwalder, Sie leiten eine Firma, die ökologische Kleidung "vom Garn bis zur Naht" in Deutschland herstellt, Ihre 150 Mitarbeitenden waren zuvor langzeitarbeitslos, Sie nennen sie "Kolleginnen und Kollegen". Das klingt fast utopisch . . .

[Unterbricht:] Nee, das ist seit zehn Jahren Realität, weil wir hierarchiefrei sind. Das Geheimnis allen Umgangs der Menschen miteinander ist Respekt und Vertrauen. Es gibt ja dieses blöde Sprichwort: "Vertrauen muss man sich erarbeiten." Das ist Quatsch! Vertrauen muss man verschenken und dann kommt es in Verantwortung zurück.

Der Sonntag: Sie haben auch flexible Arbeitszeitmodelle. Wie sehen die aus?

Die Firma hat von 6 bis 22 Uhr geöffnet. Wenn jemand bei Manomama beginnt, entscheidet er sich mit seinem unbefristeten Arbeitsvertrag, wie viele Stunden er in der Woche arbeiten möchte. Wann er die ableistet, entscheidet er ganz alleine. Ich brauche nur die Planungssicherheit, wie viele Produktionsstunden wir haben. Aber ob die am Vormittag oder am Nachmittag oder die Hälfte am Vormittag und der Rest am Abend geleistet werden, das ist mir völlig wurst. Letzten Endes muss sich die Arbeit um die Familie bauen und nicht die Familie um die Arbeit herum organisiert werden.

Der Sonntag: Oft hört man: Das klingt schön, funktioniert aber nicht. Sie haben das Gegenteil bewiesen . . .

Ich wollte gerade sagen: Das langweilt mich, wenn jemand sagt, es geht nicht! Dieses Modell der Arbeitszeiteinteilung funktioniert wunderbar, wenn Sie sich Redundanz und Ineffizienz gönnen; wenn mal nicht alle Maschinen belegt sind. Wenn Sie sich trauen, sich der Ineffizienz zu verschreiben, dann ermöglichen Sie die Flexibilität der Kollegen und Kolleginnen.

Der Sonntag: Sie haben die Firma vor zehn Jahren mit zwei Millionen Eigenkapital gegründet. Es waren Ersparnisse aus Ihrer Arbeit in der eigenen Werbeagentur zuvor. Seither schreiben Sie nach eigenen Angaben immer eine schwarze Null.

Richtig. Betriebswirtschaftlich mag Manomama nicht so erfolgreich sein, volkswirtschaftlich sind wir der absolute Überflieger – Hartz IV ist ja eine kommunale Ausgabe. Wenn wir hundert Menschen beschäftigen, die vorher Hartz IV bezogen haben, sind das im Jahr 1,2 Millionen Euro, die an kommunalen Ausgaben eingespart werden.

Der Sonntag: Ihr erstes Buch hieß: "Wunder muss man selber machen". Was kann denn jeder Einzelne tun?

Ich habe auch Firmen mit null Euro gegründet, die Werbeagentur habe ich mit keinem einzigen Cent in der Tasche gegründet. Jeder kann die Idee, die er hat, umsetzen, wenn er an sich und seine Idee glaubt. Das muss nichts Unternehmerisches sein. Man muss nur dran glauben und bereit sein, alles dafür zu geben. Ob die Idee ein Erfolg wird, hängt von vielen Faktoren ab. Ich scheitere auch dreimal am Tag. Aber Scheitern ist nicht schlimm. Scheitern heißt: Man hat’s versucht.

Der Sonntag: Dafür braucht man sehr viel Energie. Woher nehmen Sie die?

Mein Antriebsmotoröl ist Kaffee und meine Grundüberzeugung, wofür ich es mache, ist meine Liebe zu Menschen. Ich liebe Menschen.

Der Sonntag: Ihr neues Buch heißt "Zukunft ist ein guter Ort". Ist Ihnen dieser Optimismus einfach gegeben?

Ich glaube, optimistisch zu denken, kann jeder lernen. Man sagt: "Freu dich nicht zu früh." Das ist völliger Quatsch! Leute, freut euch nicht zu spät! Lieber erstickt ihr an Vorfreude und am Ende wird’s vielleicht nichts, aber dann hattet ihr eine gute Zeit.

Der Sonntag: Sie zeigen sich auch angesichts Technologien wie der Künstlichen Intelligenz und allgemein der Digitalisierung optimistisch.

Die Digitalisierung gibt uns völlig neue Freiheiten und Freizeit. Wir müssen mutig sein und lernen, mit der Freizeit etwas Sinnvolles anzustellen.

Der Sonntag: Und der Lebensunterhalt?

Wir brauchen ein Sozialeinkommen – für Leute mit und ohne Erwerbstätigkeit. Finanziert unter anderem über die Robotersteuer, die Maschinensteuer. Die brauchen wir! Wem die Roboter gehören, dem gehört künftig die Welt. Und ich fände es schön, wenn sie nicht nur wenigen gehört. Das Gespräch führte Savera Kang
Sina Trinkwalder, "Zukunft ist ein guter Ort – Utopie für eine ungewisse Zeit" am Dienstag, 14. Mai, um 20 Uhr in der Stadtbibliothek Lörrach. Karten: 10 Euro. Vorverkauf: Buchhandlung Comix-Time, Basler Straße 156.