Freiburger Stadtbau

Verein "Lebensraum für alle" kritisiert mangelnde Barrierefreiheit bei Neubauten

Fabian Vögtle

Von Fabian Vögtle

Mo, 06. April 2020 um 15:56 Uhr

Haslach

Der Verein "Lebensraum für alle" setzt sich für Barrierefreiheit in Freiburg ein und unterstützt Menschen mit Handicap. Nun kritisiert der Verein die Freiburger Stadtbau, nicht barrierefrei zu bauen.

Massive Türen, zu hoch angebrachte Lichtschalter, unüberwindbare Schwellen. Gernot Wolfgang setzt sich seit Jahren für mehr Barrierefreiheit in Freiburg ein. Mit dem Verein "Lebensraum für alle" unterstützt er Menschen mit Handicap beim Umbau oder Umzug. Und er weist mit kritischem Blick auf Mängel und Missstände hin. Die sieht er etwa bei Wohnungen von Neubauten der Freiburger Stadtbau. Ein Besuch vor Ort.

"Es ist unangenehm, dauernd Leute zu fragen", Sibylle Blanken

Die Türen zum Keller und zum Müllraum bekommt Rollstuhlfahrerin Sibylle Blanken (Name geändert) alleine nicht auf. "Es ist unangenehm, dauernd Leute zu fragen", sagt sie. Die 70-Jährige braucht Hilfe. Gern würde sie darauf verzichten, denn sie fühlt sich fit genug, um den Alltag selbst zu meistern. Doch dafür müsste das Haus, in dem sie wohnt, komplett barrierefrei sein. Das ist aber nicht der Fall, findet auch Gernot Wolfgang. Der Wohnraumberater beschäftigt sich mit öffentlichen, barrierefreien Bauten, die meist nicht den Anforderungen genügen, wie er sagt. Der Neubau, in dem Blanken wohnt, sei ein passendes Beispiel. Denn für das FSB- Gebäude an der Belchenstraße 10 in Haslach seien zwar "barrierefreie Wohnungen" angekündigt gewesen. Doch das sei mit Blick auf die Realität irreführend.

Neben den schweren Keller- und Mülltüren zählt er weitere Probleme auf. Dank der automatischen Haustür und des Aufzugs kommt Blanken noch gut in ihre Wohnung. Doch dort werden die Probleme sichtbar. In ihrer Wohnungstür gibt es zwei Gucklöcher. Das erste sei zu hoch gewesen; also wurde neu gebohrt. Es ist nicht die einzige bauliche Veränderung direkt nach Erstbezug. Das Waschbecken wurde auch zurückgebaut. Die Mieterin hat zwar eine bodenebene Dusche, doch die Klospülung betätigt sie bisher mit einem Stock, weil sie anders nicht ran kommt. Blanken lebt bereits seit 25 Jahren in Haslach, bis vor kurzem an der Damaschkestraße auch in einer FSB-Wohnung.

Türen sind zu schmal, kleine Schwellen stellen große Hürden dar

Mit dem Umzug hoffte sie auf Verbesserung. "Ich habe mir das ganz anders vorgestellt", sagt sie und zeigt auf Fenster- und Türgriffe, Lichtschalter, Sicherungskasten und Gegensprechanlage – alles zu hoch für sie. Selbst ihren Balkon kann sie nicht richtig nutzen. Die Türen sind zu schmal und die kleine Schwelle ist eine große Hürde.

Gernot Wolfgang kann von zig älteren und behinderten Mieterinnen und Mietern berichten, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Er weiß, dass barrierefrei nicht automatisch rollstuhlgerecht heißt und es oft zu einer Diskrepanz zwischen Standard und Anforderungen kommt. Doch in vielen Fällen kann er nur den Kopf schütteln. Er plädiert für generell höheren Standards. Denn Wolfgang geht es darum, möglichst zu verhindern, dass in künftigen Neubauten der FSB solche Fälle auftreten: "Die Menschen sollen von Beginn an ein selbstbestimmtes Leben führen." In einem Offenen Brief wendete er sich an die FSB und ans Rathaus und forderte eine gezielte Kontrolle weiterer Bauvorhaben und gar einen Baustopp an der Belchenstraße.

Stadtbau will bedarfsgerecht bauen und nachrüsten

Bei der FSB ist die Kritik bekannt. Man reagiere immer wieder auf Erfahrungen und Hinweise von Mieterinnen und Mietern, sagt dazu Jürgen Schipek im BZ-Gespräch. Dem FSB-Abteilungsleiter Technik geht es um bedarfsgerechte Versorgung – je nach Lebenssituation und nach den Vorgaben der Landesbauordnung. "Wir rüsten so vor, dass wir im Fall einfacher nachrüsten können", ergänzt sein Kollege Björn Seitz, bei der FSB für barrierearmes Wohnen zuständig. Es sei wichtig, im ganzen Gebäude und speziell in den Wohnungen möglichst variabel zu bleiben.

Ein Beispiel: Wenn sehbehinderte Menschen einziehen, könne man schnell und günstig den Lichtschalter austauschen und damit für Kontraste zur Wand sorgen. "Auf so etwas achten wir jetzt verstärkt", sagt Seitz. Künftig will man bei Neubauten den Duschbereich ausfliesen, statt Badewannen einzubauen. Zudem stehe man im engen Austausch mit dem Behindertenbeirat der Stadt und der Behindertenbeauftragten. Aktuell werde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet. Das Ziel sei, mit einfachen Maßnahmen Verbesserungen für die Nutzung zu erreichen.

Bestand soll auf 40 Prozent erhöht werden

Jürgen Schipek verweist darauf, dass man die Bauvorschriften einhalte und bei Neubauten mehr als die baurechtlich notwendigen barrierefreien Wohnungen nach DIN-Norm entstünden – zum Beispiel in Gutleutmatten. In den nächsten zehn Jahren wolle man so viele barrierefreie Wohnungen bauen, dass der Anteil im Bestand auf 40 Prozent erhöht werde. Dass es dabei, wie auch an der Belchenstraße, zu Zielkonflikten komme, etwa mit dem Brandschutz im Falle der Türen, ist Seitz bewusst. Da müsse man Kompromisse finden, sagt er.

Schiebetüren könnten eine Lösung sein, doch die seien wiederum sehr anfällig für Reparaturen, erklärt Schipek. Auch die vor allem für Rollstuhlfahrer kaum überwindbare Schwelle am Balkon sei wegen Baubestimmungen unabdingbar, heißt es. Das alles erschwere die praktische Umsetzung der Barrierefreiheit im Rahmen von Neubauten.