Aktuelle Zahlen

Wolfsbestände wachsen rasant

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Mo, 15. Juli 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Jäger sprechen von mehr als 1000 Tieren – doch daran gibt es Zweifel. Experten gehen von 370 Tieren in Deutschland aus. Doch die Zahl nimmt zu.

FREIBURG. Wie viele Wölfe gibt es in Deutschland? Der Deutsche Jagdverband behauptete Mitte des vergangenen Jahres, die Zahl 1000 sei überschritten worden. Daran gibt es Zweifel: Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf, die die Daten aller Bundesländer sammelt, nannte für das Wolfsjahr 2026/17 einen Bestand von rund 370 Tieren, davon 218 Welpen, also Jungtiere. Wie viele Wölfe gibt es also in Deutschland? Nur eine Zahl scheint gewiss: In Baden-Württemberg wurde 2018 nur ein Tier beobachtet.

Jens-Uwe Schade, Sprecher des brandenburgischen Agrarministeriums, rechnet so: In seinem Bundesland halten sich 38 Rudel auf, die im Schnitt sieben Tiere umfassen – vor allem Welpen, aber auch manches ältere Tier, zusammen 2,5 Generationen. Zusammen wären das rund 270 Wölfe – womit Brandenburg das wolfreichste Bundesland ist.

Wie kommt man zu diesen Zahlen? Zunächst einmal durch Beobachtung der Rudel, die einen festen Standort haben (weshalb die Rudel auch die Namen der nächsten Ortschaft tragen), durch Nachweis der Reproduktion und durch genetische Bestimmung. Schade weiß aber auch, dass in der Statistik, die die Dokumentationsstelle für das Bundesamt für Naturschutz erstellt, nur die erwachsenen Tiere berücksichtigt sind: Danach gab es im Beobachtungsjahr 2017/2018 zwischen 213 und 245 Wölfe in Deutschland, so Ruth Birkhöfer vom in Bonn ansässigen Bundesamt für Naturschutz. Diese Einschränkung lässt sich damit begründen, dass die Überlebenschancen der Welpen nicht sehr hoch sind, zugleich hält man auf internationaler Ebene nur die Zählung von Rudeln und Paaren für sinnvoll – und zwar unter dem Gesichtspunkt des Artenschutzes und der Arterhaltung.

So strittig diese statistischen Werte sind, in einem Punkt aber, sagt Schade, seien sich alle einig: Die Zahl der Wölfe steigt in Deutschland "exponentiell" an: von 60 Rudeln bundesweit im Jahr 2017 auf 73 Rudel im Herbst 2018.

So ein Rudel beansprucht für sich ein Revier von 150 bis 250 Quadratkilometer. Damit sind nahezu alle aufgelassenen Truppenübungsplätze, die ideale Reservate für Wölfe sind und von denen Brandenburg vergleichsweise viele hat, so gut wie abgedeckt. Die Folge ist, dass die aus den fest ansässigen Rudeln vertriebenen Tiere abwandern: Aus der Lausitz im Süden Brandenburgs nach Norden Richtung Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch, wie genetische Nachweise zeigen, nach Niedersachsen und über Schleswig-Holstein weiter nach Dänemark – um dort neue Rudel zu gründen. Theoretisch, so haben Zoologen ausgerechnet, wäre in Deutschland Platz für 441 Rudel.

Aber eben nur theoretisch. Manche Regionen, wie wohl auch Baden-Württemberg, sind zu dicht besiedelt und zu kleinräumig gegliedert, als dass sie einem so ausgedehnten Revier genügend ungestörten Platz böten. Um nur eine Gefahr zu nennen: Von den 81 toten Wölfen, die im vergangenen Jahr entdeckt wurden, sind 66 durch den Straßenverkehr umgekommen, im laufenden Jahr sind es schon 54 – das Auto ist der natürliche Feinde des Raubtiers. Die Karte der heutigen Standorte zeigt zudem, dass die Wölfe offenbar manche Gebiete meist nur durchwandern, wie Sachsen-Anhalt oder Thüringen. Und auch in Hessen ist nur der Norden Wolfsgebiet – warum, ist nicht erforscht.

Wie Schade berichtet, sind die Wölfe aus Polen gekommen und damit den Rehen gefolgt, ihrer bevorzugten Beute. Deren Bestand ist aber in Brandenburg dadurch nicht allzu stark beeinträchtigt: Die dortigen Förster klagen weiterhin über große Wildverbissschäden bei der Aufforstung ihrer Wälder. Dafür aber bedienen sich die Wölfe bei den Nutztieren: 250 Riss-Vorfälle vor allem an Schafen und Ziegen (85 Prozent) wurden 2018 in Brandenburg gemeldet.

Das ist insgesamt noch kein sehr großer wirtschaftlicher Schaden, deshalb denkt man im brandenburgischen Agrarministerium nicht an die Wiederausrottung des Wolfes. Aber man wünschte sich dort, der Bund könnte sich dazu durchringen, die Abschussfreigabe für ein Tier nicht vom Schaden abhängig zu machen, den es bei einem Bauern angerichtet hat – denn das zieht erfahrungsgemäß rechtliche Streitigkeiten nach sich. Besser fände man laut Schade, wenn die Länder das bislang nur passive Wolfsmanagement, eben Beobachtung und Zählung, in ein aktives umwandeln könnten – indem sie einen Maximalbestand an Wölfen definieren, der hierzulande für verträglich gehalten wird, und die übrigen Tiere "entnehmen", wie es in der Amtssprache heißt. In den meisten anderen Nachbarländern sei das heute üblich.

Das wäre wohl auch ganz im Sinne der Jäger. Und um die Naturschützer zu beruhigen, führen sie an, dass man den Bestand an Wölfen ja nicht mit Blick auf Deutschland allein beurteilen dürfe: Er sei nur der westliche Ausläufer einer baltisch-nordosteuropäischen Population, die sich mit 8000 Tieren in einem, was ihre Zukunft angeht, "günstigen Zustand" befinde. Der eine oder andere Wolf weniger in Deutschland gefährde deshalb noch lange nicht die Art, erlaube aber ein ungestörteres Nebeneinander von Wildtier und Viehwirtschaft.