Premiere

"Yerma" am Theater Basel: Der Mann will Ruhe, die Frau ein Kind

Martin Halter

Von Martin Halter

Mo, 15. April 2019 um 19:50 Uhr

Theater

Zeitlose Szenen einer missglückten Ehe, neu angerichtet. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik inszeniert am Theater Basel Federico García Lorcas "Yerma".

Spanisch kommt einem an Raimund Orfeo Voigts Bühnenbild gar nichts vor. Es ist eine Kleinbürgerhölle, aus der schon der Gazevorhang alle Farben und Formen von Leben abgesaugt hat: hellbraune, funktionale Möbel, ein beiger Teppich, ein blickdichter Faltenvorhang, der den Raum zum Gefängnis macht. Auf diesem Brachland (spanisch: yerma) wächst kein Gras und kein Kind, nur Freudlosigkeit und Unfruchtbarkeit. Es gibt nur zwei Anzeichen höherer Kultur in diesem Wirtschaftswunderödland: eine Radiotruhe, aus der Meeresrauschen und die Sirenengesänge von Lorcas Gedichten dringen, und die Blumenvase, die Yerma ständig hektisch umräumt.

Sie will es ihrem Mann schön gemütlich machen, damit er ihr endlich das ersehnte Kind schenkt, aber Juan muss immer arbeiten und hat nie Zeit. Wenn Yerma den Tisch mit Porzellan und Serviette deckt, trinkt er den Kaffee im Stehen und kratzt sein Mittagessen direkt aus dem Topf. Geredet wird so gut wie nichts; wozu auch? Der Hausherr will Frieden, Ruhe und Komfort im trauten Heim, die Frau soll ihm den Rücken freihalten. Kinder kosten nur Geld, machen Schmutz, Lärm und Sorgen. Yerma könnte auf Liebe verzichten, aber ohne Kinder fühlt sie sich nur als halbe Frau. Was 1934 im katholisch-archaischen Andalusien ein plausibler Konflikt zwischen männlicher Ehre und weiblichem Begehren war, ist heute nur noch schwer zu vermitteln. Die faschistische Mutterideologie hat abgedankt, die moderne Reproduktionsmedizin erfüllt Kinderwünsche just in time. Die Lehrerin Verena Brunschweiger fordert in ihrem Manifest sogar zum Kinderverzicht aus ökologischen Gründen auf. Ein Stück wie "Yerma" steht derzeit nicht unbedingt auf den Spielplänen des Zeitgeists.

Die deutschen Theater tun sich schwer mit einer Frau, die zur Furie wird, weil ihr Mann ihren fruchtbaren Schoß verdorren lässt "wie ein Büschel Weißdorn". In Lübeck ließ Anna Bergmann deshalb neun Frauen und einen Transvestiten übers Kinderkriegen reden, in Dresden machte zuletzt Andreas Kriegenburg aus Yerma eine heißblütige Spanierin mit Wet-T-Shirt-Erotik, Flamenco-Getrappel und einem Chor dekorativ geschminkter Wäscherinnen. Mateja Koležnik ist weder für frauenbewegte Stuhlkreise noch für verschwitzte Männerfantasien zu haben. Die vielfach ausgezeichnete slowenische Regisseurin macht seit einiger Zeit auch auf deutschen Bühnen Furore mit hoch konzentrierten, puristischen Klassikern um starke Frauen wie "Nora" oder zuletzt in Stuttgart "Medea".

In Basel hat sie jetzt die ländlich-reaktionären Wurzeln Yermas gekappt und das Stück als zeitlose Szenen einer missglückten Ehe neu angerichtet. Myriam Schröder, mit hochgeschlossenem Kleid und hochtoupiertem Haar, geht völlig auf im hausfraulichen Dekorieren, Kochen und Putzen, aber sie hat auch einen eigenen Kopf, mit dem sie durch die Wand nach draußen will. Wenn sie durch den Vorhang schaut oder selbstverloren Musik aus dem Weltempfänger hört, weiß man, wovon sie träumt: Das Kind ist nur Metapher für ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Victor, der in Basel vom Schafhirten zum Kleinunternehmer promovierte Jugendfreund, könnte sie vielleicht stillen, aber bei Simon Zagermann ist der potentielle Samenspender ein ahnungslos fröhlicher Handwerker. Juan (Florian von Manteuffel) befiehlt aus Angst vor dem Gerede der Leute, dass die Frau zu Hause bleiben müsse, aber selbst wenn ihm einmal die Hand ausrutscht, ist er kein Monster und kein Macho, nur ein hilfloser Gefangener der "Familienehre". Im Chor der schwangeren Frauen nimmt diese Ehre gespenstische Gestalt an: Sie wandeln, die Hände provozierend selbstsicher auf ihren Kugelbauch gelegt, wie Zombies in Zeitlupe und manchmal auch rückwärts treppauf treppab und zerreißen sich die Klatschmäuler.

Koležnik braucht trotz langer Schweigephasen und viel leerer hausfraulicher Geschäftigkeit nicht einmal neunzig Minuten für ihre Inszenierung. Das reicht für ein kompaktes, intensives Kammerspiel, aber nicht, um Lorca in die Gegenwart zu transportieren: Die Inszenierung bleibt auf halbem Wege zwischen Damals und Heute stecken, im zeitlosen Ungefähr der sechziger Jahre, als die Frauen noch zuallererst Mütter und Hausfrauen waren, Perücken trugen und Zigaretten mit spitzen Fingern rauchten. Die alte Hexe Dolores, in Basel eine Dame mit Designerhandtasche, weiß: "Die Männer sind schuld". Sie rackern, um die Frauen glücklich zu machen, und merkten dabei nicht, dass die mehr als nur ein Eigenheim und sonntags Zärtlichkeiten wollten, und für diesen Irrtum bestraft sie diese "Yerma" ganz leise und unaufgeregt.

Weitere Termine ab 17. April. http://www.theater-basel.ch