Zapfen ab!

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Sa, 27. August 2016

Neues für Kinder

Es gibt Menschen, die haben ihren Arbeitsplatz in der Baumkrone.

Kristian sitzt im Baum. Und nein, Kristian ist kein Kind, sondern 51 Jahre alt und von Beruf Zapfenpflücker. Um an die Zapfen von Douglasie, Weißtanne oder Fichte heranzukommen, klettert er in die Spitzen von bis zu 50 Meter hohen Bäumen.

Warum er das macht? "Ich bin schon immer gerne auf Bäume geklettert", erzählt er. Während andere am Schreibtisch sitzen, schwingt Kristian Ross mit den Zweigen im Wind hin und her – und arbeitet. In den Zapfen, die Kristian vom Baum holt, steckt das Saatgut für neue Bäume, die irgendwo anders wachsen sollen – in einer Baumschule zum Beispiel oder in einem Stadtwald.

Anfang August waren Kristian und seine Kollegen Paco Joncaova und Tilou Gering für zweieinhalb Wochen zur Douglasienernte im Freiburger Stadtwald unterwegs. Das ist ihr Job – sie kommen, ernten und ziehen wieder weiter. Geschlafen wird irgendwo im Wald – auf Matten oder im Camping-Bus. So arbeiten Zapfenpflücker fast das ganze Jahr hindurch – auch im Winter. Denn, wenn es draußen kalt ist, sind die Zapfen von Lärche und Fichte so weit. Warten, bis die Zapfen vom Baum fallen, können Zapfenpflücker nicht. Denn nur in den grünen, noch geschlossenen Zapfen stecken brauchbare Samen.

Um losklettern zu können, wirft der Zapfenpflücker eine dünne Wurfschnur, an der ein Gewicht hängt, in den Baum. Klingt einfach. Ist es aber nicht. Manchmal dauert es über eine Stunde, bis die Schnur endlich an einem tragfähigen Ast hängt. "Dicke Äste sind meine Lebensversicherung", sagt Kristian. An der Wurfschnur zieht der Zapfenpflücker das Kletterseil in den Baum. Daran sichert er sich und klettert mit Steigklemmen an Händen und Füßen das Seil hoch. Nach 15, 20 Minuten ist er oben.

Kristian und seine Kollegen Paco und Tilou klettern nicht auf jeden Baum, sondern nur auf solche, die viele und große Zapfen tragen. Sobald sie oben im Wipfel angekommen sind, überprüfen sie, ob die Zapfen auch gut sind. Und gut heißt, dass in einem Zapfen mindestens drei keimfähige Samen stecken müssen.

Zwei, manchmal auch drei Bäume schafft ein Pflücker pro Tag. An sehr guten Tagen holt er über 200 Kilogramm Zapfen herunter. Gesammelt werden diese in einem Eimer, der am Gürtel des Pflückers baumelt. Wenn der voll ist, werden die Zapfen in einen Plastiksack umgeladen. Und wenn der voll ist, geht er mit einem lauten "Achtung, Sack fällt" zu Boden. Zapfenpflücker klettern mit viel Gepäck. Vesper, Trinken, Karabiner – muss alles mit. Sie brauchen auch mehrere Flaschen Pflanzenöl. Damit machen sie das klebrige Baumharz von ihren Fingern weg. Und einen Stock brauchen sie auch, um die Zapfen zu sich her ziehen zu können.

Immer abends wird die Ernte gewogen. In Freiburg macht das Förster Klaus Echle. Alle paar Tage kommt bei ihm ein Lieferwagen vorbei, um die Zapfen abzuholen und nach Nagold in die sogenannte Staatsklenge zu fahren. Dort werden die Zapfen getrocknet, gereinigt und die Samen in großen Gläsern eingelagert. Übrigens: Der Begriff "Klenge" kommt vom knisternden Klang aufspringender Kiefernzapfen.