Albert-Schweitzer-Gymnasium

Zeitzeugen berichten Gundelfinger Schülern von Rebellen-Angriff in Burundi

Gabriele Fässler

Von Gabriele Fässler

So, 27. Juni 2021 um 20:02 Uhr

Gundelfingen

Neuntklässler behandelt das Thema Rassismus: Zeitzeugen eines Rebellen-Angriffs 1997 auf ein Jungen-Internat in Burundi berichten am Gundelfinger Gymnasium über das Erlebte.

Bei einem Zeitzeugengespräch mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG) berichten zwei Überlebende eines Angriffs von Hutu-Rebellen auf ein Jungen-Internat im burundischen Buta während des Bürgerkriegs 1993 bis 2005. Die Video-Veranstaltung mit rund 75 Teilnehmern vorbereitet hatten der Arbeitskreis Eine Welt und die Jahrgangsstufe 9 im Rahmen ihres Religions- und Ethikunterrichts.

Es ist früher Morgen des 30. April 1997 – in Kürze werden die 340 Schüler des Jungen-Internats im burundischen Buta erwachen –, als bewaffnete Hutu-Rebellen in die Schlafsäle eindringen und in die Luft schießen. Die Angreifer fordern die Jungen auf, sich nach Hutu und Tutsi zu trennen. Als die Schüler sich weigern, schießen die Rebellen auf die Jugendlichen. Insgesamt 40 Menschen sterben bei diesem Überfall oder auf der Flucht.
Engagement in Burundi

Der Arbeitskreis Eine Welt am ASG engagiert sich seit dem Schuljahr 2017/18 im ostafrikanischen Burundi. Als Partnerschule des Vereins Project Human Aid, der an verschiedenen Orten in dem ostafrikanischen Land aktiv ist, unterstützen die Gundelfinger in Kivoga ein Internat für Oberstufen-Schüler.

Boris Nzeyimana und Jolique Rusimbamigera, die heute in Karlsruhe und in der Schweiz leben, besuchten zu der Zeit das Internat und überlebten den Angriff. Sie schilderten den Schülern und Lehrkräften des ASG ihre Erlebnisse. "Ich war im Schlafsaal der Jüngeren, als die Rebellen in die Räume der Oberklassen eindrangen. Wir mussten uns überlegen, wie wir aus dem Gebäude kommen, da der Haupteingang von den Angreifern besetzt war", berichtete Boris Nzeyimana. Um durch die Fenster in etwa vier Meter Höhe ins Freie zu gelangen, knoteten die Jungen Leintücher aneinander. Dem damals 14-Jährigen gelang die Flucht, drei Mitschüler wurden getötet.

Jolique Rusimbamigera, der sich zu der Zeit in einem anderen Raum befand, erinnerte sich daran, wie Schulkameraden sich in Todesangst unter den Betten versteckten. Er selbst wurde an der Wirbelsäule verletzt und verlor viel Blut. "Ich habe nur durch ein Wunder überlebt", sagte der heute 46-Jährige.

Neuntklässler setzen sich mit Rassismus auseinander

Das Zeitzeugen-Gespräch in Gundelfingen fand vor dem Hintergrund statt, dass die Neuntklässler sich im Religions- und Ethikunterricht mit dem Thema Rassismus beschäftigten. Dabei setzten die Jugendlichen sich sowohl mit verschiedenen Formen von Rassismus in Deutschland auseinander, als auch mit der Geschichte des Rassismus. So lernten sie rassistische Ideologien während des Kolonialismus kennen. Gerade auch in Baden-Württembergs Partnerland Burundi wirkten sich diese Ideologien aus. So wurzeln die Konflikte zwischen Hutu und Tutsi in den rassistischen Zuschreibungen vonseiten der deutschen und belgischen Kolonialherren.

"Welche Gedanken und Gefühle hatten Sie in einer so bedrohlichen Situation?" lautete eine Schülerfrage. Jolique Rusimbamigera, der im schweizerischen Tessin als Unternehmensberater tätig ist, hatte in jener Nacht Verantwortung für eine Gruppe jüngerer Schüler und berichtete: "Sie kamen und fragten mich, was sie tun sollten." Daraufhin habe er sie zum Beten aufgefordert. Ob er in dieser Situation nicht an Gott gezweifelt habe? Eher im Gegenteil lautete seine Antwort. Immer wieder habe er das Vaterunser gebetet und daraus große Ruhe, Kraft und Zuversicht geschöpft.

Einsatz für Toleranz und Liebe ohne Einschränkung

"Warum habt ihr euch nicht in Hutu und Tutsi aufgeteilt?", wollten andere Schüler wissen. "Die Antwort liegt darin, wie wir gelebt haben", erläuterte Boris Nzeyimana. "Wir haben uns mehr als Geschwister denn als Schulkameraden gefühlt und wie in einer Familie gelebt", so der 38-jährige Elektroingenieur. In genau diesem Umstand sieht Jolique Rusimbamigera den einzigen vorstellbaren Grund für den Angriff auf das Internat. Den Rebellen sei die dortige Friedensarbeit ein Dorn im Auge gewesen. Gleichwohl empfindet er keinen Hass, er persönlich habe sich für das Verzeihen entschieden. Den Opfern, die "Märtyrer der Brüderlichkeit" genannt werden, wird regelmäßig bei Gottesdiensten, Feiern und Treffen gedacht.

Indes lässt die juristische Aufarbeitung des Vorfalls bis heute auf sich warten. Das liege daran, dass viele der damaligen Angreifer politische Machtpositionen besetzen, so Jolique Rusimbamigera. Seine Motivation, als Zeitzeuge aktiv zu sein, gründet darin, für Toleranz und Liebe ohne Einschränkung einzutreten. "Wir sind in erster Linie Menschen und wir müssen Ausgrenzung aufgrund bestimmter Faktoren auf der ganzen Welt eliminieren", so seine französischen Worte in deutscher Übersetzung. Das konnte Boris Nzeyimana nur unterstreichen und fügte hinzu: "Jeder hat einen Schutzengel. Genießt das Leben und fürchtet euch nicht – egal, was kommt."