Ziemlich skurrile Einfälle

Michael Gottstein

Von Michael Gottstein

Mi, 11. Dezember 2019

Murg

Das Quartett Gankino Circus gastiert im Café Verkehrt in Oberhof und begeistert das Publikum.

MURG-OBERHOF. Ihre "Jugendzeit wieder aufleben lassen" wollten der Sänger und Saxofonist Simon Schorndanner, der Schlagzeuger Johannes Sens, der Akkordeonist Maximilian Eder und der Gitarrist Ralf Wieland von der Gruppe Gankino Circus im Café Verkehrt in Oberhof – und dies taten sie zur Begeisterung der Gäste der Hotzenwälder Kleinkunstbühne, denn die fränkische Kleinstadt Dietenhofen muss ein Labor für ziemlich skurrile Einfälle sein.

Die Realität sah, glaubt man den Schilderungen des Quartetts, eher trist aus: Die einzige Attraktion war wohl ein Gasthaus, in dem der "Weizen-Charlie" das Regiment führte, das im Wesentlichen darin bestand, Unmengen an Bier auszuschenken. Doch die Enge der Provinz beflügelte offenbar die Fantasie und das Ausbruchsverlangen, wie das einleitende Stück zeigte: Es begann leise, zaghaft, ohne eigentliche Melodie, vielmehr entfaltete das Quartett einen diffusen Klangraum, aus dem sich langsam eine Volksmusik-Melodie herausschälte, die dann leidenschaftlich, zu leidenschaftlich für das Genre, gespielt wurde und in einem wild entfesselten Klangrausch endete: Eine Visitenkarte für das Können und die Vielseitigkeit der Musiker, die bruchlos durch die Gattungen schweifen konnten.

Volksmusikmelodien fingen die Zuhörer ein, nahmen sie mit auf den Weg zu Verfremdungen und virtuosen Improvisationen. Da schien sich die Klarinette plötzlich in der exzessiven Ausgelassenheit von Klezmer-Musik samt deren Schluchzer und Glissandi wiederzufinden, die Gitarre ließ sich von spanischer Musik inspirieren, und fränkischer Dialekt und russische Volksweisen gingen eine eigenwillige Symbiose ein.

"Es war nicht schlecht, hätte aber besser sein können, wenn der Johannes immer geübt hätte, als er sagte, dass er üben werde", meinte der Gitarrist und leitete so über zu einer dörflichen Liebesgeschichte, deren musikalisches Resultat immerhin eine recht lyrische Hommage an Marie war. Dass sich die Musiker mit ihrer Heimat (samt Volksmusik) identifizieren, gaben sie offen und vielleicht sogar unironisch zu. Was sie nicht mögen, ist deren kommerzielle Verkitschung.

Ein wenig Weltoffenheit nach Dietenhofen brachte der griechische Wirt "Was-Kostas", von dem das Quartett lernte, dass der Sirtaki nur das Kunstprodukt eines Studios war. Da kam das um Nonsens und akrobatische Einlagen nie verlegene Ensemble auf die Idee, den flirrenden Gitarrensound per Bohrmaschine nachzumachen. Besonders schätzen die Musiker den bulgarischen Volkstanz Gankino mit seinem 11/8-Takt, denn: "Volksmusik klingt immer besser, wenn man sie in diesem Takt spielt."

Ein makabrer Einfall war die Hommage an den verstorbenen Weizen-Charly, bei der der Schlagzeuger ein mitreißendes Solo auf dem "Bonophon" spielte, angeblich dem "ersten Schlaginstrument aus menschlichen Knochen" – wären diese echt gewesen, hätte der Weizen-Charly wohl die Dimensionen eines Nilpferds gehabt. Immerhin hatte Gankino Circus auch eine ernsthafte Seite, wie sie mit dem Lied "Es kommt ein dunkel Wolk’ herein" bewiesen. Ein furioser Abschluss war die Erzählung Simon Schorndanners, wie sein Großvater Kontakt mit amerikanische Soldaten pflegte und begriff, dass er seinen (musikalischen) Horizont erweitern musste. Der Bericht des Enkels wurde immer schneller, atemloser, und das Crescendo fränkischen Dialekts mündete in eine Rock-’n’-Roll-Nummer – die Brücke aus Dietenhofen in die USA war geschlagen.