Zum Einkauf gehört das Erlebnis

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Mi, 20. November 2019

Offenburg

Überwiegend Lob im Rat für Zwischenbilanz zum Innenstadtprogramm "GO OG" / Aufenthaltsqualität in der Stadt immer wichtiger.

OFFENBURG. Wildes Parken, zu wenig Grün, kein Schatten im Sommer, Auto-Slalom um "dröge" Pflanztröge: Die bekannten Kritikpunkte nach der Umgestaltung der nördlichen Lange Straße wurden am Montag auch im Gemeinderat nochmals Thema. Alles in allem gab es aber viel Lob für eine Zwischenbilanz zum Innenstadtprogramm "GO OG", zu dem auch die Lindenplatz-Erneuerung gehört. Schwerpunkte 2020 sind die Umgestaltung der Rée-Anlage, die Aufwertung des Altstadt-Grüngürtels sowie ein Einzelhandelsforum.

2,3 Millionen Euro hat die Stadt in den Lindenplatz investiert, weitere 3,2 Millionen in die Rundumerneuerung der nördlichen Lange Straße mit 4300 Quadratmetern Granitpflaster. Mit Fotos machte Silke Moschitz von der Stabsstelle Stadtentwicklung deutlich "wie sehr sich das Erscheinungsbild verbessert hat."

Dass in der Lange Straße nun überall Schrittgeschwindigkeit gilt und Fußgänger, Radler sowie Autofahrer gleichberechtigt sind, ist indes auch vier Monate nach der Einweihung noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Grünen-Fraktionschef Ingo Eisenbeiß bemängelte einen nach wie vor zu beobachtenden "Autofahrer-Slalom" um die zur Verkehrsberuhigung aufgestellten großen Pflanztröge. Diese kämen zudem "etwas dröge" rüber: "Da kann man noch nachbessern." Dies sagte Baubürgermeister Oliver Martini zu. Die "mobile Begrünung" sei bereits bestellt. Das jetzige "Mobiliar" sei lediglich als kurzfristige Lösung aufgestellt worden. Obwohl für den kurzen Einkaufsstopp 15 oberirdische Kurzzeitparkplätze markiert wurden, macht Eisenbeiß Tag und Nacht wild parkende Autos aus: "Die Situation ist noch immer nicht geklärt".

Die aktuell kühlen Temperaturen dürften auch nicht darüber hinweg täuschen, dass der nächste Hitzesommer komme: "Die Beschattung fehlt uns." Nicht zuletzt komme ihm ausgangs der Lange Straße beim Blick auf den Rohbau das künftige Rée-Carré "doch sehr wuchtig vor". Er hoffe, das das Gebäude nach Fertigstellung in einem Jahr besser aussehe.

Auch CDU-Fraktionschef Albert Glatt stellte seinem Lob fürs Projekt kritische Worte zur Seite. Über fehlende Bäume und die Ursache – zu viele Leitungen im Untergrund – sei schon häufig gesprochen worden. Die CDU finde die Neugestaltung der Lange Straße ansonsten "sehr positiv", halte aber das "Wild-West-Parken" für untragbar: "Der ganze Charme geht verloren." Die Schonfrist für die Autofahrer sei vorbei, es müsse stärker kontrolliert werden. Martini stellte klar, dass es bereits eine Überwachung durch den Gemeindevollzugsdienst gebe: "Aber wir können nicht flächendeckend 24 Stunden am Tag vor Ort sein."

Tobias Isenmann bekräftigte, dass "jeder sich mehr Grün gewünscht hätte." Lobend hob der Stadtrat der Freien Wähler heraus, dass die Stadt in Zeiten der Internet-Konkurrenz auf den Handel zugehe. Als Schritt in die richtige Richtung lobte Julia Letsche von der SPD das Innenstadtprogramm. Aus Sicht der SPD könnten die Parkprobleme ohnehin der Vergangenheit angehören: "Wir wollen eine autofreie Innenstadt", erinnerte Letsche an einen Antrag ihrer Fraktion vor wenigen Wochen. Mit einer ganzen Reihe an Kritikpunkten wartete Silvano Zampolli (FDP) auf, bevor er von OB Steffens mit Hinweis auf die Redezeitbegrenzung gebremst wurde: Zampolli forderte etwa, "nicht ständig auswärtige Planungsbüros einzusetzen." Zudem verfehle die Stadt durch die Versiegelung der Lange Straße ihre selbstgesteckten Klimaziele.

Im kommenden Jahr wird ein Wettbewerb zum Grüngürtel entlang der Stadtmauer einer der Schwerpunkte sein. Dabei sollen – ein Novum – die Ideen der Planer durch eine Bürgerbeteiligung innerhalb des Wettbewerbs ergänzt werden. Weiter geht es 2020 um die Umgestaltung der Gustav-Rée-Anlage in Abstimmung mit den Arbeiten am Rée-Carré mit seinen rund 30 neuen Geschäften, das im Oktober in Betrieb gehen soll.

Bereits im März ist ein "Einzelhandelsforum" vorgesehen, das neue Ideen und Impulse auch für Handel und Gastronomie bringen soll. Mit einem "Standort-Check" erhebt die Stadt über einen längeren Zeitraum Daten, unter anderem durch Kundenbefragungen. So soll auch die Entwicklung des Innenstadthandels vor und nach Inbetriebnahme des neuen Einkaufsquartiers verglichen werden können. Laut Silke Moschitz ist die Einzelhandelssituation in Offenburg stabil. Allerdings werde angesichts des Trends zum Einkaufen im Netz die Aufenthalts- qualität in der Innenstadt immer wichtiger. Für Kunden gehe es nicht mehr nur ums Einkaufen, sondern ums Erlebnis: "Investitionen ins Stadtbild sind deshalb richtig und wichtig."