Nachruf

Zum Tod von Peter Rüchel: Ein wahrer Fernsehpionier

Peter Disch

Von Peter Disch

Do, 21. Februar 2019 um 14:30 Uhr

Rock & Pop

Mit den "Rockpalast"-Nächten der ARD hat Peter Rüchel Fernsehgeschichte geschrieben. Nun ist er im Alter von 81 gestorben. Ein Nachruf auf den Mann, der Generation von Popenthusiasten prägte.

Das können sich diejenigen, die mit Dutzenden von TV-Sendern oder Youtube aufgewachsen sind, wahrscheinlich nicht vorstellen. Aber Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, als es nur drei Programm gab, waren Rockkonzerte im Fernsehen ein rares Gut. Genau deshalb ist der WDR-Redakteur Peter Rüchel, der am Mittwoch im Alter von 81 starb, nicht nur ein Medien-Pionier gewesen. Mit der zwischen 1977 und 1986 zweimal im Jahr europaweit live übertragenen "Rockpalast"-Nacht der ARD prägte er ganze Jahrgänge von Popenthusiasten.



Wer begriffen hatte, dass Pop mehr ist als das, was in der Bravo steht, hatte damals drei Möglichkeiten, seinen Horizont zu erweitern. Sounds und Musikexpress lesen – falls Frau Kersten vom Zeitschriftenladen noch ein Exemplar hatte – und den "Rockpalast", den Rüchel miterfunden hatte. Hier spielten die Qualitätsbands. Manche waren erfolgreich in den deutschen Charts vertreten wie The Police, Paul Young oder Joe Jackson. Andere hatten nur in ihrer Heimat einen großen Namen, Elvis Costello zum Beispiel. Legenden wie The Who traten auf. Rüchel buchte aber auch den nigerianischen Gitarristen King Sunny Ade und bot so bisher in Europa wenig beachteten Genres ein Podium. Nur seinen Traumgast Bruce Springsteen hat er nie bekommen. Und um Prince präsentieren zu können, wurde eine seiner Shows live aus den USA übertragen – statt dem Star stand eine Leinwand auf der Bühne der Essener Grugahalle, in der die Rocknacht stattfand.

Als die Quote das Maß aller Fernseh-Dinge wurde, kam 1986 das Aus für die "Rockpalast"-Nächte. Die Marke aber gibt es immer noch – nur sind die Konzerte in der Regel aufgezeichnet. So lebt Rüchel auch nach seinem Tod fort. Das hat er sich wahrlich verdient.
"Rockpalast"-Anekdoten

Der "Rockpalast" lieferte nicht nur denkwürdige Konzerte, eine zum Running Gag gewordene Begrüßungsformel ("Dschörmen Televison braudly presents...", Moderator Albrecht Metzger war Schwabe), sondern auch eine Menge Anekdoten. Hier eine Auswahl.

Patti Smith
"Rockpalast", 21. April 1979: Patti Smith windet sich drei Minuten lang, weil sie die Frage von Moderator Alan Bangs zum Thema "Rockstars" nicht beantworten will oder kann. Erst sagt Smith, sie könne sich nicht konzentrieren, weil sie sich die ganze Zeit auf einem der Kontrollmonitore sehe und die Augen nicht von ihrem Ebenbild lassen könne. Bangs lässt den Monitor entfernen. Dann erklärt sie, die Aussicht auf einen Auftritt im Fernsehen begeistere sie so, dass sie sich nicht mehr kontrollieren könne. Als dann auch noch aus dem Off das "Smoke On The Water"-Intro zu hören ist, vermutlich spielt es gerade jemand beim Soundcheck, greift Smith zur Klarinette und lässt sie für sich sprechen. Schließlich springt Gitarrist Lenny Kaye für sie ein. 2010 erzählt Bangs in der Talkshow 3 nach 9, Smith habe kurz vor dem Gespräch Heroin genommen.

Mitch Ryder
"Rockpalast", 6. Oktober 1979: Nach einer Woche Dauerparty im Hotel gibt Sänger Mitch Ryder vor seinem Auftritt nachts um zwei ein Interview. Wie immer wird alles live und ohne Zeitverzögerung gesendet. Der volltrunkene Amerikaner hat schlechte Laune, ganz schlechte Laune. Bei einem Streit in der Garderobe hat einer seiner Musiker eine Gitarre nach ihm geworfen. Ryder, damals 34, beantwortet Alan Bangs" Fragen mit Gegenfragen zu ganz anderen Themen. Als er das Gespräch auf öffentlich kopulierende Hunde lenkt, sollen sich mehrere Sender aus der europaweiten Direktübertragung ausgeklinkt haben. Das anschließende Konzert gilt als eines der besten der Rockpalast-Historie.

Joe Jackson
"Rockpalast", 17. April 1983: Joe Jackson, gerade auf einem Kreuzzug gegen alles, was Rock ist, kündigt ein Medley aus Hits des berühmten Soul-Labels Tamla Motown an. "Wisst ihr überhaupt, was Tamla Motown ist?", fragt der für seine Arroganz bekannte britische Musiker die Menge. Als ihn die Reaktion des Publikums nicht überzeugt, kommentiert er mit Widerwillen im Gesicht: "Das kann doch nicht euer Ernst sein. Die ganze Welt mag Tamla Motown. Sogar meine Mutter."


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