Mordfall Carolin G.

Zwei Tatorte – eine DNA-Spur

Martin Wendel und David Weigend

Von Martin Wendel & David Weigend

Fr, 27. Januar 2017

Südwest

Die Suche nach vergleichbaren Taten zum Mordfall Carolin G. führt die Freiburger Polizei nach Tirol – und zu einem neuen Verdacht.

Wie stellten die Ermittler den
Zusammenhang zwischen
den Mordfällen her?
Dem Volltreffer beim Abgleich der DNA-Spuren ging eine längere polizeiliche Ermittlung voraus. Zunächst in Deutschland, dann im benachbarten Ausland wurde nach (aufgeklärten wie unaufgeklärten) Mordfällen gefragt, die auf ähnliche Weise verübt wurden. Etwa mit einer bestimmten Tatwaffe oder nach einem bestimmten Muster. So kam der Kontakt mit der Polizei in Kufstein zustande. Ausschlaggebend waren dann die genetischen Spuren. Ein Unbekannter hatte Carolin G. am 5. November 2016 auf ihrer Joggingstrecke zwischen Endingen und Bahlingen überrascht, vergewaltigt und getötet. Ein Spürhund fand die Leiche der 27-Jährigen vier Tage später in einem abgelegenen Waldstück. Am Tatort sicherten die Ermittler DNA-Fragmente – die waren eigentlich zu wenig für einen Abgleich in der Datenbank. Für den direkten Vergleich mit einem anderen Profil war die Menge jedoch ausreichend (siehe Hintergrund).

Kriminaltechniker verglichen vergangene Woche die Spur vom Kaiserstuhl mit der Täter-DNA von Kufstein. Das Ergebnis war positiv. "Es lässt keinen vernünftigen Zweifel zu", sagte Hansjörg Mayr, Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Die Ermittler gehen nun mit "hoher Wahrscheinlichkeit" von ein und demselben Täter aus.

Welche Parallelen weisen
die beiden Mordfälle auf?
Die 40 Ermittler der "Soko Erle" hatten schon länger den Fall Lucile K. im Auge. Am 12. Januar 2014 hatte ein Unbekannter die 20-jährige Studentin in Kufstein vergewaltigt und erschlagen. Die Tatwaffe war ein Eisenrohr. Auch Carolin G. fiel einem Sexualverbrechen zum Opfer. Bislang schwieg die Polizei zur Frage, wie Carolin G. getötet wurde. Nun bestätigen die Ermittler, dass die Endingerin ebenso wie Lucile K. erschlagen wurde. "Laut Obduktion geschah dies mit einem längeren, harten Gegenstand, der einer Metallstange ähnelt", sagt Polizeisprecher Walter Roth. "Ein Hammer hätte beispielsweise ein anderes Verletzungsbild ergeben." Die Tatwaffe hat die Polizei nicht gefunden.

Welches Bild hat die
Polizei bislang vom Täter?

"Wir gehen von einem mobilen und sehr gefährlichen Täter aus", sagte Walter Pupp, Chef des Landeskriminalamts Tirol, gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Die deutschen Ermittler vermuten, dass der Täter ortskundig war. Es ist unwahrscheinlich, dass man das abgelegene Gebiet am Kaiserstuhl ohne Ortskenntnis für einen Mord auswählt, zumal am helllichten Tage. "Der Täter muss schon einmal dort gewesen sein", betont Roth. Die Ermittlungen konzentrieren sich nun auf die Hypothese, dass es sich beim Täter um einen Fernfahrer handeln könnte. Dafür spricht zum einen die Tatwaffe im Fall Lucile K. Zum anderen die Nähe zur Autobahn an beiden Tatorten. Die zwei Morde wurden außerdem zu Uhrzeiten begangen, zu denen sowohl in Tirol als auch in Deutschland ein Lkw-Fahrverbot besteht. Gleichwohl gibt es im Bereich des Endinger Tatorts keinen Lkw-Parkplatz.

Die Vermutung, es handele sich beim Fall Carolin C. um eine Beziehungstat, bei der sich Täter und Opfer kannten, scheint nach der Verbindung zum Kufsteiner Mord weniger wahrscheinlich als zuvor. Nach Aussage von Walter Roth spreche nunmehr vieles für die Variante des "großen Unbekannten" als Täter. Jedoch lässt sich nicht ausschließen, dass er aus der Region stammt und 2014 in Kufstein war. Auch wissen die Ermittler nicht, ob der Täter innerhalb Europas noch mehr Verbrechen begangen hat.
Was bedeutet die neue
Spur für die Ermittler?
Die Polizei wird die Lkw-These nun priorisiert verfolgen. Welche Verbindungen, beruflicher oder privater Art, existieren von Kufstein nach Endingen? Gibt es jemanden, der die Route regelmäßig fährt und aus bestimmten Gründen an beiden Orten eine Pause einlegt? "Wir nutzen bestimmte Erfassungssysteme, um die Verbindungen beider Städte zu dokumentieren", so Roth.

Lässt sich ausschließen,
dass Hussein K. auch
Carolin G. getötet hat?
Die zeitliche Nähe der beiden Mordfälle Maria L. in Freiburg und Carolin G. in Endingen ließ Spekulationen über einen möglichen Tatzusammenhang aufkommen. Der kann nun allerdings mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Hussein K., dringend tatverdächtig im Freiburger Mordfall Maria L. und seit Anfang Dezember deswegen in Untersuchungshaft, hat mutmaßlich nichts mit dem Mord in Endingen zu tun. Ein Vergleich der DNA-Fragmente im Fall Carolin G. ergab nach Auskunft der Polizei, dass die Spur nicht zu seiner DNA passt. Zudem hielt sich Hussein K. im Januar 2014 nach derzeitigem Ermittlungsstand in Griechenland auf.