Krimi-Kolumnen

25 ganz persönliche Erinnerungen an 50 Jahre Tatort

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

So, 29. November 2020 um 16:16 Uhr

Kultur

Wenn am Sonntag wie seit 50 Jahren der Tatort im Fernsehen läuft, schauen auch viele BZ-Redakteurinnen und Redakteure zu – aber nicht alle. Hier sind 25 ganz persönliche Tatort-Geschichten.

"Scheiße", war das gut

Von André Hönig

Die 1980er-Jahre fanden TV-mäßig für mich in Miami statt. "Miami Vice": Das war Videoclip-Ästhetik à la MTV, Pop und pastellfarbene Töne, harte Schnitte, kinoreife Action– und stand damit völlig in Kontrast zu den langweiligen deutschen Fernseh-Kommissaren. Tatort gucken? Niemals – ja, wäre da nicht die Naturgewalt Horst Schimanski 1981 übers deutsche Fernsehen hereingebrochen. Gerade mal rund zwei Minuten dauerte es, bis zu Beginn der ersten Folge "Duisburg-Ruhrort" Kommissar "Schimi" laut "Scheiße" flucht. Provokation pur damals. Götz George spielte das pöbelnde, fluchende Raubein unglaublich authentisch. Versoffen, nuschelnd, schnauzbärtig. Ein weißer Ritter in Jeans und schmuddeliger Jacke. Ein deutscher Bruce Willis. Ein Macho – außen hart, innen zart – der sich fürs Gute durchs graue Ruhrgebiet prügelt. Rebell, Gerechtigkeitsfanatiker, Gegner der Bosse. Einer, der – wie Klaus Lage sang – stets "als Held die Fresse vollgekriegt" hat. Spannende Storys, starke Songs (Klaus Lage, Chris Norman, Bolland & Bolland), ein kongeniales Ermittlerduo Schimi/Thanner: "Schimanski" war für mich ein Muss. Unvergessen das Ende nach 29 Folgen und zwei Kinofilmen: Schimanski segelt in der letzten Folge als echter Kommissar über Duisburg, brüllt ein letztes "Scheiße". Das war 1991. Für Miami Vice war da schon zwei Jahre Schluss. Für mich waren die 80er aber erst jetzt vorbei. Markus Söder twitterte zu Götz Georges Tod 2016: "Bester Tatortkommissar ever". Ganz meine Meinung. Oder in Schimis Worten: "Scheiße", war das gut.

Enttäuschte alte Liebe

Von Ralf Burgmaier

Es ist eine alte enttäuscht Liebe. Ich war 15, als der Tatort "Reifezeugnis" mich mit seiner erotischen Wucht erwischte. Die Freizügigkeit, mit der Nastassja Kinski als Schülerin Sina in Liebesszenen mit Christian Quadflieg als ihrem Lehrer Helmut Fichte meinem jungmännlichen Blick dargeboten wurde, traf mich unvorbereitet. Als wir vor ein paar Jahren eine Wiederholung des legendären Tatorts mit unseren großen Teenager-Töchtern anschauten, waren diese online einiges gewöhnten jungen Frauen irritiert darüber, wie man 1976 eine Alterskameradin dermaßen für den männlichen Blick zurichten konnte. Das wurde mir dadurch erst bewusst. Aber der Maßstab dafür, wie ein Tatort mich berühren sollte, war 1976 gesetzt. Ein paar Schimanskis kamen dem nahe. Aber immer, wenn ein Teaser wieder mal einen Sensations-Tatort anpries und ich mich am Sonntagabend davorsetzte, dachte ich: verschwendete Lebenszeit.



Schlechtes Internet

Von Tamara Keller

1, 2, 3 – "Jetzt!", sagt meine Freundin Annika am anderen Ende der Leitung. Es ist Frühling 2014 und wir drücken beide die Playtaste. Unser Vorhaben: Wir wollen gemeinsam und zeitgleich den Tatort schauen, um zusammen den oder die Täter zu erraten. Das Problem: Annika lebt in Salzburg. Ich zu Hause in einer 900-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Lörrach. Wir haben beide den Laptop auf dem Schoß, in einem Fenster eine Skype-Video-Konferenz geöffnet, im anderen die ARD-Mediathek. Eigentlich hatte ich dieses Technik-Experiment – das übrigens nach 20 Minuten Frust wegen einer zu schlechten Internetverbindung scheiterte – längst vergessen. Doch Annika sagte kürzlich am Telefon, wir seien damals schon Vorreiter gewesen, denn in Pandemiezeiten ist das gemeinsame Erleben via Videochat irgendwie zum Alltag geworden. Das "gemeinsame Erlebnis" ist es auch, was für mich den Tatort ausmacht. Ich schaue ihn selten alleine: Früher gemeinsam mit meinen Eltern, dann als Abendevent in der Dreier-WG und nun in der eigenen Wohnung. Da ist der ständige Begleiter der sogenannte "Second Screen" – also mein Smartphone. Einerseits um den Krimi unter #Tatort auf dem sozialen Netzwerk Twitter zu kommentieren oder es kommt via Messenger eine Nachricht von Annika: "Schaust du Tatort? Findest du den heute auch so langweilig?"

Erste Folge überhaupt

Von Annika Sindlinger

Als am 29. November 1970 die erste Folge des Tatorts ausgestrahlt wurde, war ich noch nicht geboren. Und auch später interessierte mich das, was da am Sonntagabend über den Bildschirm flimmerte wenig – bis ich selbst im September 2019 für die BZ über die Dreharbeiten für die Schwarzwald-Tatort-Folge "Rebland" berichtete. Nach Waldkirch drehte ein Filmteam des Südwestrundfunks damals auch in Eichstetten und in Ihringen. Die Kommissare Tobler und Berg ermittelten am Kaiserstuhl nach einer Vergewaltigung. Ausgestrahlt wurde diese Folge erst kürzlich, ein Jahr nach den Dreharbeiten. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, das Ergebnis anzusehen. Es war meine erste Folge, sollte aber nicht die letzte sein. Inzwischen bin ich zu einer regelmäßigen Zuschauerin geworden und genieße es zu wissen, wie mein Sonntagabend aussehen kann. Tobler und Berg werden jedoch nie zu meinen Favoriten zählen, auch wenn ich sie in Eichstetten persönlich getroffen habe. Wesentlich besser gefallen mir Thiel und Boerne oder auch Gorniak und Winkler.



Der Reiz verliert sich

Von Juliane Kühnemund

Ich erinnere mich noch gut: Als ich dem Kindesalter entwachsen war und als Teenager nicht mehr vor einem allzu grusligen Fernsehprogramm geschützt werden musste, war es ein Fernsehabend, auf den sich die ganze Familie freute: Zum Tatort versammelten sich Eltern und Geschwister gemeinsam gespannt vor der Schwarz-Weiß-Glotze – man diskutierte noch während des Films über Vermutungen, wer denn nun der Täter war, und stellte Ermittlungstaktiken der Kommissare hin und wieder in Frage. Tatort war über einige Jahre fast ein Muss. Dann allerdings löste sich mein Interesse an der Krimi-Serie in Wohlgefallen auf – und wenn ich heute beim Zappen durch die Programme mal wieder bei einem Tatort hängen bleibe, dann ist es der Bodensee-Tatort mit den Ermittlern Blum und Perlmann, oder der Münster-Tatort mit Thiel und Boerne. Bei Ersterem spielen neben dem recht sympathischen Ermittler-Duo die Schauplätze eine Rolle, die man meist selber kennt. Bei Zweiterem ist es das Aufeinandertreffen zweier völlig unterschiedlicher Charaktere – der eher unauffällige Hauptkommissar Thiel und der sehr von sich eingenommene Rechtsmediziner Boerne (mit seiner unschlagbaren Assistentin, die er abschätzend "Alberich" nennt) – was hohen Unterhaltungswert hat. Dies allerdings mit der Folge, dass die Handlung bei mir schon wieder eine untergeordnete Rolle spielt. Wie dem auch sei: Die Tatort-Geschichte kann durchaus weitergeschrieben werden, muss aber nicht.

Fette Krieger

Von Stefan Mertlik

Wie erreicht eine Fernsehsendung, die eine ältere Zielgruppe bedient, auch das jüngere Publikum? Mit Rap-Musik. Als Deutschland um die Jahrtausendwende durch Gruppen wie Freundeskreis und Absolute Beginner seinen ersten Hip-Hop-Hype erlebt, steigt auch der Tatort ein. "Fette Krieger" heißt Folge 474, in der Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) einen Mordfall in der Ludwigshafener Rap-Szene untersucht. MC Fett möchte aus seiner Crew aussteigen. Doch die Trennung endet mit einem Sturz vom Dach. So weit, so Gangster-Rap. Glaubwürdig wirkt die Episode in keiner der 85 klischeebeladenen Minuten. Rapper nehmen Drogen, Rapper tragen teure Klunker, Rapper sagen Schimpfworte. Dass die Schauspieler beim Aufsagen ihrer Reime nicht einmal den Takt treffen, passt ins Bild. Dem Regisseur scheint es schlichtweg egal gewesen zu sein. Oder er hat nicht begriffen, was er da dreht. Mit MC René und DJ Tomekk beteiligen sich zwar echte Berufs-Hip-Hopper, doch die können nichts retten. Denn die Autoren haben Hip-Hop offensichtlich so gut verstanden wie der Onkel, der "Yo" sagt und dabei "coole" Handbewegung macht. Fehlt nur noch die brennende Mülltonne.

Zwei Minuten reichen

Von Jens Kitzler

Mein Lieblings-Tatort dauert nur 123 Sekunden. In dieser Zeitspanne ermittelte der TV-Satiriker Philipp Walulis im Jahr 2011 schonungslos, dass die hochgepriesene Krimi-Reihe oft auch nur biedere Dutzendware ist. Dafür legte Walulis die Tatort-Stereotypen frei und reihte sie aneinander: Es beginnt mit dem Schrei der Passantin, die immer kurz nach 20.15 Uhr über die Leiche stolpert, es folgt das obligatorische rot-weiße Absperrband, unter dem sich der Kommissar samt Kaffebecher hindurchduckt. Das Kriminalistenduo beteiligt sich munter an der Fahndung nach Klischees: Er: "Warum sind wir eigentlich so unterschiedlich?". Sie: "Damit Spannung zwischen uns entsteht – hin und wieder wird es dadurch zu lustigen Situationen zwischen uns kommen". Es folgt die Autofahrt zum ersten Verdächtigen, vorbei an bekannten Gebäuden. "Damit man sieht, in welcher Stadt wir sind." Stopp, etwas fehlt noch, bemerkt der Ermittler: Das Hintergrundthema. "Du meinst, den verkrampften sozialkritischen Einschlag?", fragt die Kollegin? Genau, kein Tatort ohne Milieu. Schnitt. Der Verhörraum, die wohl verbrauchteste Kulisse des Krimi-Genres. "Ich kanns gar nicht gewesen sein", brüllt der Verdächtigte. Warum nicht? "Weil wir erst in der Mitte des Tatorts sind." Stimmt. Um da Spannung zu empfinden, bedarf es eines gehörigen Maßes an Selbsttäuschung. Am Ende des Films stehen Verfolgungsjagd und Verhaftung des Täters, natürlich nicht desjenigen, auf den im Laufe des Films alles hindeutete. Mit der Phrase "123 Sekunden Tatort" findet man Walulis" Persiflage problemlos auf Youtube. Nach dem Konsum des Videos noch arglos Tatort zu gucken, ist übrigens nicht mehr möglich.

Meine Eltern waren Grosse Fans

Von Sina Schuler

Wer erinnert sich noch an StudiVZ? Es gibt zwar immer noch einen Ableger des Online-Netzwerks, doch eigentlich ist der Vorgänger von Facebook so tot wie eine Leiche auf dem Seziertisch von Professor Boerne. Im Gedächtnis geblieben ist aber: Für wirklich jeden gab es eine Gruppe bei StudiVZ, zum Beispiel für "Sinas, die nach der Tatort-Sina benannt sind". Da dachte man jahrelang, man habe eine besondere Namens-Geschichte – und dann das. Tatsächlich haben sich in dem Online-Netzwerk etwa zwei Dutzend junge Frauen zusammengetan, deren Eltern Tatort-Fans waren. Oder zumindest die bekannteste Folge gesehen haben: "Reifezeugnis" von 1977. Nastassja Kinski, damals 15, spielt die hübsche Schülerin Sina. Den Plot des Tatorts haben die Eltern bei der Namensfindung wohl ausgeblendet, denn die Tatort-Sina agierte nicht gerade vorbildlich. Eine Affäre mit meinem Lehrer hatte ich jedenfalls nicht. Und ich habe auch keinen Mitschüler erschlagen. Zumindest hat mich bisher kein Ermittler danach gefragt.

Swinging Cops

Von Gabriele Schoder

Der "Tatort" ist ein Krimi wie unser Land: föderal organisiert und regiert von Stammesfürsten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Wobei sich die Heimatliebe vor dem Fernseher merkwürdig auswirkt: Bei der sonntagabendlichen Mordermittlung assistieren wir lieber abseits der eigenen Region (dann fallen einem die landsmannschaftlichen Klischees der Reihe nicht so auf), zum Beispiel in Hamburg. Dort ballert sich ja auch Til Schweiger durch die Unterwelt – den Keinohrhasen der Republik mag"s gefallen, wir aber denken bei eleganter Verbrecherjagd im hohen Norden nur an diese beiden: Manfred Krug und Charles Brauer. Zwischen 1986 und 2001 lösten sie als Kommissare Stoever und Brockmöller 41 Fälle, brachen Zuschauerrekorde und die Herzen des Publikums. Die "Swinging Cops", die nach getaner Arbeit gerne Jazzstandards sangen, sind das beste Buddy-Duo, das der "Tatort" je hatte: ironisch statt zynisch, souverän, warmherzig, charmant, entspannt. Kriminalität bekämpfen, Kultur pflegen: keine schlechte Kombination.

Hier bin ich Mensch...

Von Ralf Strittmatter

Rituale braucht der Mensch, ob Geburtstag, Weihnachten oder sonntags im Ersten der Tatort. Das gibt dem Alltag Struktur, schafft Vertrautheit und Geborgenheit. Rituale stiften auch Identität. Insofern hat der Tatort etwas Verbindendes. Schließlich schalten laut "Statista", einem deutschen Statistikunternehmen im Internet, im Schnitt gut acht Millionen Zuschauer die Sendung jede Woche ein. Und weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, lässt er sich seine Rituale nicht gern nehmen. Das weiß jetzt auch Til Schweiger, der die traditionsreiche Titelmelodie von Jazzmusiker Klaus Doldinger ändern wollte und Empörung dafür erntete. Schweigers Hamburg-Tatort ist übrigens der Tatort mit den schlechtesten Quoten. Apropos Hamburg: Dort habe ich mich einmal zum "Tatort-Schauen" in den Grünen Jäger verirrt, eine Kaschemme zwischen Kiez und Sternschanze. Schüchtern bin ich mit meinem Bier auf einem der muffigen Sofas versunken. Doch schon bei den ersten Klängen des Vorspanns fühlte ich mich gelöst wie zu Hause, frei nach Goethes Faust: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Nix für Weicheier

Von Ronja Vattes

Ein besonderes Geschenk nennen es die einen – Fluch und Segen jene, die es betrifft: Wer mit einer guten Portion Phantasie ausgestattet ist, der kann sich die wundersamsten Dinge ausmalen. In Kindheitstagen wurde so aus der schnöden Radfahrt zur Schule ein wilder Ritt auf einer kastanienfarbenen Stute mit wehender Mähne. Nachmittags mussten stundenlang die imaginären Pferde auf dem Parkplatz vor dem Mietshaus gestriegelt und ihnen die Hufe ausgekratzt werden. All das gelang ohne sichtbare Hilfsmittel – und muss den Nachbarn reichlich bekloppt vorgekommen sein. Inzwischen ist das kleine Mädchen längst erwachsen, das Leben hat manches geschliffen, die Phantasie aber ist geblieben. Im Fernsehen ein bisschen dramatische Musik, ein Schatten, zu viel Stille, ein Spannungsmoment – ja, danke, das reicht dann auch schon, um das Kopfkino ausreichend zu beschäftigen. Ich brauch" keine zerstückelten Leichen, keine Geschichten um sadistische Kinderschänder – die ganz "normale" tägliche Nachrichtenlage ist mehr als genug. Ich bin ein Weichei. Deshalb: Tatort? Für mich bitte nur niedrig dosiert die harmlos-witzigen aus Münster mit Boerne und Thiel.



Spannung ist anders

Von Peter Stellmach

Mich schauen die Tatort-Augen schon fast so lange an, wie es die Serie gibt. Ich erwidere den Blick allerdings immer seltener. Die Vorfreude auf Sonntagabend hat sich fast verflüchtigt, es ist alles so erwartbar geworden: Zwanghafte Comedy und zuletzt Jenseitsmäßiges aus Münster, Düsternis im Schwarzwald, die mich an die triste Fotoserie einer Kollegin erinnert, Proll-Dasein an der Küste und Klischee für jeden sonstigen Landstrich – ein Lichtblick, der Bodensee ist kein Tatort mehr. Selbst das Wiener Team, lange Favorit, kommt kaum noch aus der Schmäh-Schablone heraus. Nur die Stuttgarter Ermittler scheinen mit dem richtigen Leben zu tun zu haben, so viel badisches Lob auf Schwaben darf sein. Deshalb mag es zwar der 1200- und soundsovielte Tatort sein, der am Sonntag läuft, und er mag von der freilich ganz anderen Warte aus noch den besonderen Reiz haben, dass sich die Dauerbrenner aus Bayern mit den Dortmundern zur Ermittlungsarbeit verbünden. Aber es kann trotzdem sein, dass die Kiste ausbleibt und die Hände nach einem Krimi zum Lesen greifen. Sollte ich anderntags zu hören bekommen, Du, der Tatort war endlich wieder mal spannend, bleiben ja die Mediathek und gewiss viele Wiederholungen.

Wo die Guten gewinnen

Von Sabine Ehrentreich

Bei uns ist der Tatort in weiblicher Linie erblich. Meine Mutter tat es, ich tue es, meine Tochter tat es, bis die Doppelkopf-Sucht das Tatort-Fieber ablöste. Es ist lange her, dass sich zuletzt jemand traute, sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr bei uns anzurufen. Ich bin ein höflicher Mensch. Aber wer mich beim Tatort stört, wird abgebügelt. Warum diese Treue zu einer Serie, die neben Highlights und viel Mittelmaß auch immer wieder echte Zumutungen, die leider gern im Schwarzwald spielen, über den Bildschirm schickt? Es ist die Verlässlichkeit des Sendeplatzes in Zeiten permanenten Wandels. Das Wiedersehen mit Figuren, die mit einem altern, die man kennt, auch wenn man selten in ihre Wohnzimmer schaut. "Neue" werden misstrauisch beäugt, aber meist schnell in die Familie integriert. Die Stuttgarter Fälle etwa wurden nach der Pensionierung von Kommissar Bienzle nicht nur erträglich, was sie zuvor nicht gewesen waren, sondern richtig gut. Der Tatort ist das letzte Format, das in der zersplitterten Medienlandschaft noch einen nennenswerten, wenn auch tendenziell älteren Teil der Fernsehnation vor dem Bildschirm vereint. Zuverlässig findet man am nächsten Tag Gesprächspartner für die Feinanalyse. Und meist gewinnen die Guten.

Herzensguter Serienmörder

Von Otto Schnekenburger

Tatort-Folge Nummer 751 war mehr ein Kammerspiel für zwei Personen – Milan Peschel und Matthias Schweighöfer – als ein Krimi. Peschel gab den herzensguten Serienmörder, der von einer Tat in die nächste stolpert, nur für seinen autistischen Sohn sorgen will und nicht so wirklich etwas für all das kann. Schweighöfer als Gegenpart den vermeintlich eiskalten Millionärssohn. In "Weil sie böse sind" spielen die Frankfurter Kommissare Dellwo und Sänger nur eine marginale Rolle, während wohl selten einem Serienmörder so die Daumen gedrückt wurden. Über Jahrhunderte währende Ungerechtigkeit wird schließlich in einer großen altruistischen Tat aufgelöst. Gänzlich unkonventionell konnten Tatort -Folgen immer wieder mal Inszenierungstraditionen über Bord werfen. Vom Leben erzählen, Schuldige unbehelligt lassen, Gerechtigkeitsfragen stellen. So auch beim ebenfalls von Autor Michael Prohl und Regisseur Florian Schwarz stammenden "Im Schmerz geboren" mit Zutaten von Shakespeare bis Italo-Western oder beim jüngsten Fall, der tragischen Liebesgeschichte von Ermittler Felix Murot.

Kann, aber muss nicht

Von Andrea Drescher

Sonntagabend ist Tatortabend? Das war einmal. Ermittler gab es schon viele, sie kamen und gingen. Bei manchen war es schade, dass sie nicht mehr ermitteln durften (oder wollten), bei anderen wäre man froh, sie würden von ihrem Sender außer Dienst gestellt. Kein Verlust war das Ausscheiden von Dauer-Schmollmund Simone Thomalla, auch der aus dem Saarland gelieferte Klamauk von Devid Striesow war verzichtbar. Es gab ja noch jede Menge andere Teams, auf die man sich freuen konnte. Doch: Ihre Zahl schrumpft. Den Sonntagabend gleich ohne Tatort planen? Was lange unmöglich schien, ist inzwischen kein Problem mehr. Wer braucht schon den Hamburger Bum-bum-peng-peng-Spezialisten Til Schweiger oder die Weimarer Unfug-Truppe mit Christian Ulmen und Nora Tschirner? Tatsächlich leicht gemacht hat der Abschied vom Tatort das vermutlich langweiligste Duo aller Zeiten: das aus dem Schwarzwald! Ob der SWR absichtlich so öde und verworrene Baden-Teile produziert, um den Stuttgarter Ermittlern keine Konkurrenz zu machen? Jedenfalls ist aus dem MUSS- ein KANN-Tatort geworden. Auch gut.

Früher ein Pflichttermin

Von Christian Kramberg

Als Jugendlicher gab es eine Zeit lang einen Pflichttermin in jeder Woche: Es war – glaube ich – ein Montag , Punkt 21.45 Uhr. Da lief die amerikanische Serie "Magnum" im Fernsehen, das war die mit dem schnauzbärtigen Privatdetektiv auf Hawaii. Später gab es wieder einen festen Fernsehtermin in der Woche: Es war immer sonntags, 20.15 Uhr, "Tatort"-Zeit und selten einmal verpasst. Ob "Magnum" oder "Tatort", es waren fixe Termine in der Woche, die man nicht versäumen wollte und konnte, weil es nur selten Wiederholungen und keine Mediatheken gab. Mit dem digitalen Zeitalter ist das alles nicht mehr notwendig. Pausenknopf, Mediatheken, Streaming – die neue Technik hat den 20.15 Uhr-Termin obsolet gemacht. Und damit dem "Tatort" auch ein wenig seines exklusiven Reizes genommen.

Als Peggy Angst hatte

Von Frank Zimmermann

Es war mein allererster Tatort, und es war eine äußerst traumatische Erfahrung: "Peggy hat Angst" wurde am 23. Mai 1983 ausgestrahlt und hatte – heute wäre es eine Sensation – fast 18 Millionen Zuschauer. Für die Erstausstrahlung war ich zu jung, ich muss irgendeine Wiederholung gesehen haben. Wie auch immer. Peggy, gespielt von Hannelore Elsner, muss am Telefon mit anhören, wie ihre um Hilfe rufende Freundin Natascha von einem psychopathisch-besitzergreifenden Taxifahrer, mit dem sie die Nacht verbracht hat, erschlagen wird. Der Zuschauer hört das Schreien und Sterben des Opfers eine halbe Ewigkeit am Telefon mit. Peggy weiß nicht, von wo die Freundin angerufen hat, der Mörder aber weiß, wer und wo Peggy ist – und nimmt als netter Kerl Kontakt zu ihr auf. Der Zuschauer hat ständig Angst, dass Peggy genauso endet wie ihre Freundin... Die Folge ist mir aus meinen jungen Jahren als unendlich gruselig in Erinnerung, für mich damals nur vergleichbar mit den angsteinflößenden Killer-Filmchen in Eduard Zimmermanns "Aktenzeichen XY". Ermittlerin war übrigens die etwas spröde Karin Anselm. Ihre Kommissarin hatte wie der arme Herr Derrick nie ein Privatleben. Heute gibt"s im Tatort mitunter allzu viel davon ...



Wenn Blicke nerven

Von Michael Krug

Dieser Blick, er nervt. Und leider kann man die Uhr danach stellen, wann man ihm am Sonntagabend zum ersten (und dann leider auch nicht zum letzten Mal) während einer Tatort-Folge begegnet: Der Blickkontakt, den sich die beiden Ermittler zuwerfen, sobald ihnen irgendwer irgendetwas erzählt, was vermeintlich der Aufklärung des Falles dient. Oder was vielleicht auch völlig unwichtig ist, egal. Die beiden Ermittler schauen sich vielsagend an – und in einer solchen Vorhersehbarkeit, dass der Blick als wahrscheinlich "dramaturgisches Mittel" komplett abgelutscht und deshalb völlig überflüssig geworden ist. Zugegeben, das ist eine Petitesse. Viel schlimmer sind schlechte Plots, schlappe Spannungsbögen oder die Kommissarin mit nur einem Gesichtsausdruck, Lena Odenthal. Ein Vorschlag deshalb an die Drehbuchschreiber: Lasst doch diese dämlichen Blicke weg und macht es so, wie ihr es mit Ermittler-Ekel Faber aus Dortmund macht: Den lasst ihr mittlerweile doch auch permanent in seinem Parka rumlaufen und durchbrecht so diese ewige Jackenanzieherei, die ähnlich überflüssig ist wie der viel-nichtssagende Blickkontakt. Tut mir den Gefallen. Dann bleib" ich auch die nächsten 50 Jahre bei der Stange. Versprochen.

Partner von Schimanski

Von Markus Donner

"Ich habe den Charme einer luftgetrockneten Mettwurst", sagt Eberhard Feik über sich. Bekannt wird Feik durch die Schimanski-Tatorte. In 29 Folgen spielt er zwischen 1981 und 1991 den korrekten, ehrlichen und diensteifrigen Duisburger Kommissar Christian Thanner. Um sich fit zu halten, fährt Feik täglich mindestens 30 Kilometer mit seinem Mountainbike. Sieben Jahre nach seinem ersten Infarkt ist er am 18. Oktober 1994 wieder mit dem Fahrrad unterwegs. In der Nähe seines Hauses in Hofsgrund am Schauinsland trifft der 50-Jährige einen Nachbarn. Während die beiden miteinander reden, bricht Feik tot zusammen. Das Grab von Eberhard Feik befindet sich auf dem Hofsgrunder Friedhof. Noch ehe in der Tatort-Reihe Freiburg und der Schwarzwald als Drehorte entdeckt wurden, war Eberhard Feik einer der Protagonisten, die einen Breisgau-Bezug hatten. Vermutlich hätte er im realen Leben den Schauinsland nie und nimmer gegen den Ruhrpott eingetauscht. Und vermutlich hat man gerade ihn als besonnenen Partner von Raubein Schimanski (Götz George) ausgewählt, um diese ungestümen Tatort-Folgen wieder etwas zu erden.

Starke Typen

Von Sonja Zellmann

Es gibt Tatort-Gucker, die auf den klassischen Krimi stehen: Am Anfang gibt"s "ne Leiche, dann eine ordentliche Ermittlung ohne irgendwelchen Firlefanz und am Ende die Lösung des Falls. Die Persönlichkeit der Ermittler sollte dabei bitteschön möglichst keine Rolle spielen – wie zum Beispiel beim Münchner Team. Ich gehöre zur anderen Kategorie. Ich mag es, wenn es menschelt, ich mag die starken Ermittlertypen, gern schräg, gern überzeichnet, die ihren Tatort-Folgen einen unverwechselbaren Stempel aufdrücken. Wie beispielsweise Peter Faber aus dem Team Dortmund, genial gespielt von Jörg Hartmann. Ein absolut kaputter Kerl, ein ruppiges, rücksichtsloses Ekel am Rande des Wahnsinns, hart, aber fair, dabei extrem clever und irgendwo tief im Innern – manchmal ist es zu erahnen – ein netter Mensch. Oder Meret Becker als Nina Rubin in Berlin. Absolut anstrengend diese Frau, die immer unter Strom steht, der nichts intensiv genug sein kann. Keine Sympathieträgerin, aber spannend. Oder das Ermittlerehepaar Lessing und Dorn (Weimar). Christian Ulmen als Denker und die fabelhafte Nora Tschirner als Pragmatikerin liefern sich Wortgefechte, die an Sprachfreude kaum zu überbieten sind. Starke Typen eben. Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn der Krimi-Plot mal nicht so wirklich überzeugt.

Wieso dieser Hype?

Von Theresa Steudel

Meine erste Tatortfolge sah ich mit 18 Jahren im Krankenhaus. Bis dahin hatte ich bei meinen Eltern hier und da fünf Minuten mitgeschaut, aber mich meistens schnell wieder in mein Zimmer verzogen. Krimis waren allgemein nicht so meins. Aber Smartphones gab es nicht, das Buch konnte ich nach meiner Operation nicht halten und im Krankenhausfernseher liefen nur öffentlich-rechtliche Sender. Also schien mir Tatort ein guter Zeitvertreib. Nun ja. Ich kann Ihnen leider nicht sagen, wer der Mörder war, weil ich ziemlich schnell einschlief. Was ich noch weiß: Die Story war fad und die Schauspieler schlecht. Und bisher muss ich das leider von jeder Tatort-Folge sagen, die ich gesehen habe. Ich wagte noch ein paar Versuche, unter anderem mit dem Erfurter und Weimarer Tatort, weil ich in Thüringen studierte. Aber auch wenn zumindest Christian Ulmen und Nora Tschirner die Sache ein bisschen spannender machten, war der Rest wie eh und je: Die Witze zu gewollt, die Charaktere zu spießig, die Dialoge zu gekünstelt. Den Hype konnte ich also noch nie verstehen. Während die Briten eine gute Krimiserie nach der nächsten abliefern, schäme ich mich für den deutschen Krimi – und, ehrlich gesagt, für die gesamte deutsche Fernsehkultur – meistens fremd. Aber, das gebe ich gerne zu: Das Intro, das ist Kult.

Warum bügeln alle?

Von René Zipperlen

Wie reagieren Sie, wenn mal wieder unangemeldet die Polizei vor der Tür steht? Tässchen Kaffee und dann zum Sofa wie mit dem Staubsaugervertreter? Wenn Sie stattdessen wortlos auf dem Absatz kehrtmachen und mit Blick auf Ihre bodentiefen Fenster oder den Kaffeevollautomaten zu wurschteln anfangen, sind Sie Profi. "Tatort"-Profi. Denn seit einigen Jahren bricht in der kriminalistischen Abend-VHS der Aktionismus aus, wenn die Bullen einmal klingeln. Vom Verdächtigen über die Zeugen bis zu den Angehörigen: Es wird geputzt und gewienert, geschraubt und geräumt und verachtet, als sei das Ritalin alle. Eine höhere Stimme befiehlt zugleich allen Jugendlichen: Kopfhörer auf! Laut! Achten Sie mal drauf. Den fassungslosen Beamten mit ihren gezückten Ausweisen bleibt nichts zu tun als zu hoffen, dass es den Kollegen im "Polizeiruf" oder beim "Bergdoktor" auch nicht besser geht. Was ist da bloß in Krimi-Deutschland gefahren? Die gesellschaftliche Entwicklung? Autoritäten, Staatsmacht, Sie wissen schon. Oder ist es doch nur eine Regie auf der Höhe der Zeit, die vermeiden will, dass rumgestanden wird wie bei den Ölgötzen oder wie bei "Derrick" 1976? Also gibt man ihnen zu tun und Bügeleisen in die Hand. Man wollte melancholisch werden: Ein ordentlicher Dialog könnte schon helfen.

Das Gute ist so nah

Von Karl Kovacs

Coole Typen gibt"s unter den "Ermittlern" einige. Die taffe Ulrike Folkerts in Ludwigshafen oder die Haudegen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, die ganz schön heftige Fälle in München auf den Tisch bekommen, gehören zu meinen Favoriten. Das vermeintlich "lustige" Team in Münster mit dem nervigen Gerichtsmediziner Boerne und seinem Kommissar Thiel dagegen lockt mich sonntagabends nicht vor den Flimmerkasten. Was Humor in Kombination mit Krimi angeht, ist das Publikum in Lahr ohnehin verwöhnt. Da braucht man das große Fernsehspiel im Ersten eigentlich gar nicht. Wie heißt es so schön: Warum in die Ferne schweifen, wenn die Lahrer Super-Ermittler Kreidlinger und Bäuerle jeden Fall mit kriminalistischem Gespür und unnachahmlicher Gestik lösen. In Sachen Klamauk dürfen die Münsteraner gern mal hospitieren. Schade, dass es pro Jahr nur einen Streifen der Kult-Kombo gibt – und ausgerechnet 2020 wegen Corona nicht. Was soll"s, dazwischen kommt ja der eine oder andere ordentliche "Tatort".

"Ehepaar" Haferkamp

Von Alexander Dick

TV-Kriminalfälle lösen war ehedem Männerhandwerk. Auch im "Tatort" der frühen Jahre. Wobei es durchaus eine weibliche Note gab. Heinz Haferkamp alias Hansjörg Felmy, der von 1974 an für den Westdeutschen Rundfunk in der Essener Nachkriegsidylle ermittelte, durfte, im Unterschied zu den knorrigen Steppenwölfen der Zunft, ein Privatleben haben. Welches der bundesrepublikanischen Wirklichkeit in jenen Zeiten nicht so ganz entsprach: Er verbrachte seine Freizeit mit seiner Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum). Sie waren getrennt und doch zusammen – der Kommissar und seine Muse. Als ich eines Abends ein wenig länger aufbleiben durfte und meine Mutter fragte, ob das Frau Haferkamp sei, merkte ich, wie sie um Erklärungen rang. "Ja, schon, aber eigentlich nicht mehr. Sie sind geschieden – und doch irgendwie zusammen …" Es war ihr peinlich – und delektierte sie trotzdem. Irgendwie. Ab 1978 durften Frauen mehr als Muse sein: Nicole Heesters war die erste "Tatort"-Kommissarin: Marianne Buchmüller, ledig, ein Freund. Mutter wandte sich ab. Ermitteln sei Männersache.

Nicht ohne Nölen

Von Kathrin Blum

Sonntag. Zu Teenagerzeiten war das manchmal der schlimmste Tag der Woche. Nämlich immer dann, wenn das Nachmittagsprogramm aus einem Spaziergang bestand, dem abends eine weitere Grausamkeit folgte: der Tatort. Egal, welche Blockbuster die Privatsender zum Ausklang des Wochenendes ins Rennen schickten oder welche Schnulzen das Zweite anbot – der Tatort war Gesetz. Aber weil man als Pubertier ja auf keinen Fall freiwillig früher ins Bett gehen will und es damals noch keine Smartphones gab, mit deren Hilfe man mit der besten Freundin über kauzige Kommissare und martialische Mörder hätte lästern können, blieb nichts anderes übrig als mitgucken. Und natürlich nölen. Tatort am Sonntag – ich habe ihn gehasst. Und ich gestehe: ein bisschen auch meine Eltern, die den Krimi unbedingt anschauen wollten. Heute ist das anders – nicht nur was das Verhältnis zu meinen Eltern angeht. Ich bin zwar kein großer Tatort-Fan geworden, gucke mir das eine oder andere Ermittler-Team aber ganz gerne an. Natürlich nicht, ohne vorher einen Spaziergang gemacht zu haben. Ist doch Sonntag.