"30 Vogelarten feiern die Geburt Jesu"

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Fr, 06. Dezember 2019

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit Arianna Savall und Petter Udland Johansen über ihr Programm mit Weihnachtsliedern aus ganz Europa.

Das in Basel lebende Künstlerpaar Arianna Savall und Petter Udland Johansen bringt in seinem Ensemble Hirundo Maris verschiedene Volkskulturen und Alte Musik mit neuen Arrangements und eigenen Kompositionen zusammen. Am Samstag tritt das Septett im Forum Merzhausen mit seinem Winterprogramm "Fuego En La Nieve" auf. Stefan Franzen hat Savall und Johansen vorab zum Interview getroffen.

BZ: Mit Ihrem aktuellen Bühnenprogramm widmen Sie sich Weihnachts- und Winterliedern. Welches Verhältnis haben Sie als Musiker zu dieser Zeit?
Savall: Sie fasziniert uns, denn jetzt ist die Musik wichtiger als zu jeder anderen Jahreszeit. Sie hat die Kraft, die Dunkelheit zu kompensieren, die Einsamkeit und Depression zu vertreiben, unter der viele jetzt leiden. Und die Geschichte von der Ankunft des neuen Lichts ist ja älter als das Christentum: Sie wurde schon im ägyptischen Isis-Kult gefeiert, in Rom, während der Raunächte der Germanen und Kelten. Die Grenze zwischen den Welten wird feiner, der Mensch öffnet sich sowohl für das innere als auch das kosmische Licht.
BZ: In Ihrem Programm "Fuego En La Nieve" sind die Grenzen auch sehr durchlässig, musikalisch gesehen...
Johansen: Wir wollen mit dem Projekt die verschiedenen Weihnachtstraditionen Europas zeigen, vom Süden bis zum Norden. Das hört man selten, denn oft sind solche Programme länderspezifisch. Wir dagegen zeigen die ganze Palette, die tänzerischen Farben des romanischen Raums, die mehr Feuer haben, und auch das Nordisch-Melancholische, das langsam ist und oft in Moll steht. Sogar wenn man in Norwegen von der Freude über das neugeborene Kind singt, dann hört es sich fast traurig an.
Savall: Aus einem der tänzerischen Lieder dagegen kommt der Titel des Programms, "Feuer im Schnee": Er stammt aus "Ay que mi abrazo, ay", ein sehr lebendiges Weihnachtslied aus dem kolonialen Mexiko des 17. Jahrhunderts im Guaracha-Rhythmus. Und auch meine Eigenkomposition "La Salve" ist ein getanztes Gebet, eine Guajira. Bevor die Inquisition das verboten hat, wurden Gebete ja tatsächlich getanzt, um in eine Trance zu kommen.
BZ: Mich überrascht, wie homogen der Sound von Hirundo Maris ist, obwohl Sie als Katalanin und Norweger aus zwei sehr gegensätzlichen Kulturen kommen.
Johansen: Die Mentalitäten sind natürlich schon verschieden. Aber vor allem wenn man zur traditionellen und Alten Musik zurückgeht, dann hat etwas sehr Verwandtes. In Katalonien gibt es diese großen Balladen, sie heißen dort Romances, und in Norwegen gibt es die Mittelalterballaden – sie sind sehr ähnlich wie die katalanischen. Die Brücke haben wir auch mit unseren neuen Arrangements geschaffen. Wir suchen komponierend und improvisierend immer neue Klänge auf der Basis der Alten Musik.
Savall: Die besondere Farbe von Hirundo Maris kommt durch meine barocke Tripelharfe und die diatonische Renaissanceharfe in Kombination mit Petters Hardangerfiedel und der Mandoline zustande. Und für dieses Programm hatten wir das große Glück, dass Gesine Bänfer und Ian Harrison aus Freiburg dazukamen, die mit ihren Dudelsäcken, Flöten, Schalmeien und dem Zink eine Intensität hineinbringen, die sich mit unseren Stimmen und Zupfinstrumenten wunderschön mischt.
BZ: Eines der bekanntesten katalanischen Weihnachtslieder ist "El Cant des Ocells".
Savall: Für uns Katalanen hat das Lied eine ganz besondere Bedeutung: Der Cellist Pau Casals hat es als Friedenshymne gespielt, während der Franco-Diktatur. Im Text reden und singen 30 Arten von Vögeln miteinander und feiern die Geburt Jesu. Das ist ein Symbol dafür, dass es durch Dialog Frieden geben kann, und das ist wieder sehr aktuell, denn der Konflikt zwischen der katalonischen und spanischen Regierung ist nicht beigelegt, von beiden Seiten muss da eine Lösung gefunden werden. Meine Eltern, der Gambist und Musikforscher Jordi Savall und die Sängerin Montserrat Figueras, gingen in 70ern nach Basel, um Alte Musik zu studieren, aber sie gingen auch weg, um dieser Atmosphäre der Unterdrückung zu entfliehen, in der der Faschismus noch in vielen Aspekten präsent war. Für die Generation meines Vaters ist es sehr schmerzhaft zu sehen, dass diese traumatisch besetzte Zeit wieder zurückkommt.
BZ: Neben katalanischen, norwegischen, provençalischen, keltischen und englischen Liedern haben Sie auch deutsche im Repertoire wie "Stille Nacht".
Johansen: Etliche Versionen davon haben ja viel Zuckerguss drauf. Wir haben bewusst versucht, es nicht so süß zu machen. Am Anfang ist es ganz schlicht mit Dobro und Mandoline, dann kommt die Harfe dazu, und am Schluss fetzt es mit den beiden Dudelsäcken. Die Nacht ist dann nicht mehr so still!
Savall: Wir sind beide ja keine Deutschen, das ist vielleicht ein Vorteil, denn wir hören das Lied aus einer anderen Perspektive. Das gilt auch für "Es ist ein Ros’ entsprungen": Hier mache ich am Ende eine instrumentale Strophe auf der Harfe, die mit ihren Arpeggien vom Barockkomponisten Kapsberger inspiriert ist. Ich finde, das ist das schönste Weihnachtslied, das ihr Deutschen gemacht habt!

Konzert: Sa, 7. Dez., Merzhausen, Hirundo Maris Septett, Forum , 20 Uhr.
Album:
Silent Night (Harmonia Mundi).