Alle Wege führen nach Frohburg

dpa/BZ

Von dpa & BZ-Redaktion

Fr, 23. Oktober 2020

Literatur & Vorträge

2016 legte er seinen ersten Roman vor – nun ist Guntram Vesper mit 79 Jahren gestorben.

Der große Erfolg stellte sich spät ein. Sehr spät. 2016 – da war er 75 Jahre alt – debütierte der Schriftsteller Guntram Vesper als Romanautor: mit dem über 1000 Seiten umfassenden Prosawerk "Frohburg", benannt nach dem Geburtsort des Autors, einer Kleinstadt "auf halber Fernstraßenstrecke zwischen Leipzig und Chemnitz", so Vesper in "Frohburg". Ob der ausufernde Text als Roman bezeichnet werden kann, darf bezweifelt werden, wie BZ-Rezensent Thomas Schaefer zu bedenken gab: "Was Vesper vorlegt, ist eine alle Formen sprengende Sammlung von Bruchstücken einer Autobiographie und separat tragfähigen Novellen voll unerhörter Begebenheiten". Wie auch immer: "Frohburg" erhielt im selben Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse – und Guntram Vesper avancierte zum Autor in der vorderen Reihe der deutschen Gegenwartsliteratur.

"Frohburg" ist die Summe von Vespers literarischem Schaffen, das seit je um die eigene Familiengeschichte im Brennpunkt deutscher Geschichte kreiste. Die Familie des 1941 geborenen Sohns eines Landarztes verließ 1957 die DDR. Im hessischen Friedberg besuchte Vesper ein Internat, lernte seine Frau kennen und machte Abitur. Er studierte dann Germanistik und Geschichte in Gießen und Göttingen – wo er sich endgültig niederließ. Trotz der Jahrzehnte in der südniedersächsischen Universitätsstadt behielt Vesper seinen sächsischen Tonfall. Seine Heimat blieb immer präsent.

Nach etlichen Buchveröffentlichungen, Hörspielproduktionen und journalistischen Aufträgen entschied sich Vesper dazu, als freier Schriftsteller zu arbeiten, zunächst mit dem Schwerpunkt auf Gedichten und lyrischer Prosa. 1985 erschien ein Gedichtband, der ebenfalls den Titel "Frohburg" trug. "Die obsessive Beschäftigung mit der eigenen Geschichte mag mit der Flucht zu tun haben, dem damit einhergehenden Verlust geliebter Menschen und Dinge", so die BZ-Besprechung. Hinzu kam wohl die frühkindliche Erfahrung von (Kriegs-)Gewalt. Bei seinem Roman "Frohburg" sei es zunächst einmal um eine "Bestandsaufnahme des eigenen Kopfes" gegangen, sagte Vesper damals der Deutschen Presse-Agentur. Sein Kopf sei voll von Zeitgeschichte, von Frohburg, von eigenen Belangen gewesen. Er habe gedacht: "Wenn du ausgelöscht wirst, ist das weg."

Das hat er geschafft. "Frohburg" wird bleiben. Sein Verfasser ist am Donnerstag im Alter von 79 Jahren in Göttingen gestorben, wie sein Verlag Schöffling & Co. mitteilte. Dieser hat sich inzwischen daran gemacht, Vespers Gesamtwerk wieder aufzulegen. 2017 erschien der zuerst 1979 herausgekommene Prosaband "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses". Wie schön, dass Guntram Vespers dieses Revival noch erleben hat.