Rund drei Prozent

Allianz hält die Zinsen bei Lebensversicherungen stabil

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Mo, 06. Dezember 2021 um 19:30 Uhr

Wirtschaft

Nach zwei Jahren Absenkung lässt der größte Lebensversicherer die Zinsen 2022 bei rund drei Prozent. Doch kleinere Anbieter müssen wohl absenken – und dann sind da noch die Verwaltungsgebühren.

"Eine starke Botschaft" ist es für Volker Priebe, Produktvorstand von Allianz Leben in Stuttgart: Deutschlands führender Lebensversicherer will die Gesamtverzinsung seiner Policen nächstes Jahr stabil halten. Für den, der noch einen klassischen Vertrag mit garantiertem Zuwachs besitzt, bedeutet das unverändert 2,9 Prozent. Wer eine neuere Police mit deutlich abgesenkten Garantien hält, kann auf 3,2 Prozent Verzinsung bauen.

Bei neueren Policen wird nur noch eine Rückzahlung von 90 oder 60 Prozent der eingezahlten Gelder garantiert. Mehr Zins wird durch mehr Risiko erkauft, das liegt im Trend. Klassische Policen hingegen werden kaum noch neu angeboten. Denn 2022 sinkt der staatlich maximal erlaubte Garantiezins dafür von 0,9 auf 0,25 Prozent. Eine Trendwende beim Zins im Euro-Raum ist nicht in Sicht.

Lebenspolicen sind liebste Altersvorsorge der Deutschen

Lebenspolicen sind aber der Deutschen liebstes Produkt zur Altersvorsorge. Auf 83 Millionen Bürger kommen rund 86 Millionen Verträge. Also hat die Branche angetrieben von Marktführer Allianz neue Lebenspolicen erfunden. Die garantieren keinen Zuwachs mehr, sondern nur noch maximal mögliche Verluste. Das eröffnet Freiräume in der Kapitalanlage, weil nicht mehr so viel Geld für Garantien zurückgehalten werden muss. So lange alles gut geht, rentieren garantiereduzierte Produkte deshalb besser als solche mit höheren Garantien.

Nun will die Allianz die Gesamtverzinsung 2022 stabil halten, nachdem sie in den vergangenen zwei Jahren abgesenkt wurde. Die Allianz gilt als Trendsetter. Kleinere Versicherer wie die Alte Leipziger haben allerdings bereits eine Absenkung der Gesamtverzinsung bekanntgegeben. Axel Kleinlein, Chef des Bunds der Versicherten, erwartet, dass weitere Versicherer kürzen müssen, aufgrund der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank mit einem Zinsniveau um den Nullpunkt. Versicherungsriese Allianz stehe weit stabiler da als mancher Konkurrent.

Rendite hängt auch von Kosten für Makler und Verwaltung ab

Produktvorstand Priebe rühmt indessen auch große Anlageexpertise. "Ein Drittel unserer Anlagen steckt in nicht börsennotierten Werten", erklärt er. Die Allianz nimmt für sich auch in Anspruch, besonders nachhaltig anzulegen. Doch Kleinlein hat nachgerechnet. Nur etwa 20 der 323 Milliarden Euro Kundengelder seien wirklich nachhaltig investiert, sagt er, und ist auch sonst alles andere davon überzeugt, dass bei der Allianz Lebensversicherte ein gutes Geschäft machen.

Das Versprechen von rund drei Prozent Gesamtverzinsung hält er für irreführend: "Die tatsächliche Rendite hängt nicht nur von der Gesamtverzinsung ab, sondern auch von der Kostenbelastung." Denn die Zinsaussage bezieht sich nur auf den Sparanteil von Beiträgen. Von denen werden aber vorab Provisionen für Makler und Verwaltungsgebühren abgezogen. Die sind happig: Deutsche Lebensversicherer haben nach Branchenstatistiken 2020 rund zehn Milliarden Euro an Abschluss- und Verwaltungskosten einbehalten. Die Allianz nennt keine Quoten: "Die prozentualen Vertriebskosten gehen leicht zurück", sagt Priebe nur.

Rechnet man Provisionen und Gebühren mit ein, dreht die Rendite mancher Police ins Negative. "Das kann zu einem echten Verlust führen", warnt Kleinlein. Das gelte vor allem, wenn die Auszahlung einer Lebenspolice nicht auf einen Schlag, sondern monatlich per Verrentung erfolgt. In dem Fall unterstellten die Versicherer unrealistisch lange Lebenserwartungen. Marktüblich seien 95 bis 102 Jahre, so alt müsste ein Lebensversicherter werden, dass er mehr herausbekommt, als er eingezahlt hat. Heute 60-Jährige würden aber laut Statistischem Bundesamt im Schnitt nur gut 84 Jahre alt.
Kommentar: Unflexibel und renditeschwach

Stabil drei Prozent Rendite sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus. Schon weil immer mehr Banken von Sparern Negativzinsen verlangen. Zuletzt hat die Inflation aber die Marke von fünf Prozent gerissen. Sie steuert dieses Jahr im Schnitt auf drei Prozent zu. Wer bei der Allianz versichert ist, erleidet zumindest keine Realverluste, könnte man argumentieren. Das stimmt aber nicht. Lebensversicherte verlieren selbst beim Branchenführer, weil von ihren Beiträgen vorab Provisionen und Gebühren abgezweigt werden. Zugleich legen sich Versicherte oft für Jahrzehnte fest. Lebenspolicen sind unflexibel, intransparent und renditeschwach. Bei Verrentung kann ein Kunde oft nicht so alt werden, dass sich sein Vertrag noch rentiert. Die neue Bundesregierung hat hier ein weites Feld von enormer Bedeutung vor sich. Bisher hat noch jede Regierung vor der Versicherungslobby gekuscht. Ob SPD, Grüne und FDP das heiße Eisen gedeckelter Provisionen oder gar deren Abschaffung sowie das Ende von Verrentungszwängen anpacken, bleibt abzuwarten. Aus Kundensicht wäre es dringend nötig.

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