Als die Pest in der Region wütete

Helmut Bauckner

Von Helmut Bauckner

Mi, 08. April 2020

Grenzach-Wyhlen

Zwischen den Jahren 1094 und 1668 hatten Basel und Grenzach-Wyhlen unter 26 großen Pestepidemien zu leiden.

GRENZACH-WYHLEN. Es gibt Situationen im Leben, in denen ein Blick in die Geschichte nicht nur erhellend, sondern auch tröstlich sein kann. Auch wenn man nicht einfach von Wiederholung der Geschichte sprechen kann, so ist es möglich, an immer wiederkehrenden Mustern den Blick für die Gegenwart zu schärfen, um wachsam zu werden für gefährliche Entwicklungen. Aber auch Zuversicht kann so entstehen. So wurde die Menschheit in der Geschichte etwa immer wieder von Epidemien heimgesucht. Besonders schlimm wütete im Mittelalter die Pest.

Beschäftigt man sich mit den Katastrophen, die die Menschheit schon zu bestehen hatte, so wundert man sich, wie es möglich war, dass unsere Vorfahren immer wieder Zuversicht und Mut für eine neue Zukunft gewinnen konnten.

Das gilt auch für die Pestepidemien, die in regelmäßigen Abständen im Mittelalter gewütet und ganze Landstriche entvölkert haben. Basel und sein Umland waren extrem betroffen. Wie Erhard Richter recherchiert hat, hatte Basel zwischen 1094 und 1668 unter 26 großen Pestepidemien zu leiden, die Tausende dahingerafft haben. So kann man in Basler Chroniken lesen, dass 1349 etwa in der Freien Straße nur noch drei Familien vollständig waren. Es ist die Rede von insgesamt 14 000 Toten.

Auch, wenn die Zahlen etwas übertrieben scheinen, eine Katastrophe für die Stadt, die damals vielleicht nur 20 000 Einwohner hatte, waren solche Epidemien in jedem Fall.

Eine Nebenerscheinung waren Probleme mit der Lebensmittelversorgung. Von weit her musste man sich etwa Getreide besorgen, was zu überhöhten Preisen geführt hat. Außerdem suchte man natürlich nach Schuldigen und die hatte man vielerorts schnell unter den Juden gefunden, die schrecklichen Verfolgungen ausgesetzt wurden. In Basel wurden sie bei der Mittleren Rheinbrücke in eine Hütte auf einer Sandbank gepfercht und diese dann angezündet.

Natürlich war das auch die Stunde der Quacksalber, die obskure Mittelchen anboten. Niemand kannte den Verursacher, lediglich, dass die Seuche aus dem Orient eingeschleppt worden war, schien sicher. In dieser ausweglosen Situation suchten die Menschen auch Halt und Trost im Glauben. Zuflucht fanden sie bei Heiligen, deren Leben mit der Pest in Verbindung gebracht werden konnte, etwa Sebastian oder vor allem Rochus. Aber auch religiöser Fanatismus wie die Geißelbrüder machte sich breit, eine Bewegung, die jedoch von der Kirche abgelehnt wurde.

Dass Grenzach und Wyhlen mit vergleichbaren Problemen zu kämpfen hatte, versteht sich von selbst. Interessant dazu sind die Recherchen von Erhard Richter, der die Kirchenbücher durchforstet hat und so die Pestverläufe der Epidemien von 1610/11 und 1629 nachzeichnen konnte. Erschreckend sind die Zahlen für 1611.

Hunderte starben in Grenzach und Wyhlen an der Pest

Der Grenzacher Pfarrer Hinderecker vermerkt 250 Pesttote, das dürfte annähernd die Hälfte der Einwohner gewesen sein. Nicht viel besser sieht es in Wyhlen aus. Kaum war die Seuche zum Stillstand gekommen, suchte sie 1629 nochmals beide Dörfer heftig heim. Weitere 110 Bürger fielen ihr in Grenzach und 95 in Wyhlen zum Opfer.

Als 1667/68 Basel nochmals betroffen war, untersagten sowohl der Markgraf als auch die Stadt unter hohen Strafandrohungen jeglichen Verkehr miteinander. Interessant ist, dass die Bauern zwar ihre Waren noch in Basel absetzen durften, aber nur auf dem freien Feld und mit großem Abstand. Schließlich waren Stadt und Umland auf diesen Handel angewiesen. Man rief sich die Preise zu, so schreibt Erhard Richter, und warf danach das Geld in einen mit Wasser gefüllten Krug. Mit ausgeräucherten Handschuhen nahmen die Bauern die Krüge mit nach Hause und entnahmen die Münzen erst, nachdem sie das Wasser gesiedet hatten. Die Maßnahmen hatten Erfolg, die Seuche konnte eingedämmt werden, Grenzach und Wyhlen blieben verschont.

Fast könnte man meinen, Geschichte wiederhole sich doch. Dann sollten wir uns am Mut und der Hoffnung unserer Vorfahren ein Vorbild nehmen, die unter sehr viel schwierigeren Umständen leben mussten als wir im 21. Jahrhundert.