Kunst

Als hätte ein Kobold Freiburg erträumt

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 19. Mai 2020 um 19:58 Uhr

Kunst

Zum Freiburger Stadtjubiläum zeigt Jürgen Giersch in der Galerie Selz seine post-expressionistischen Stadtansichten und Almut Quaas Einblicke in das Loretto-Damenbad – vorerst aber nur online.

Jürgen Giersch
Im September feiert der Freiburger Maler und Plastiker Jürgen Giersch seinen 80. Geburtstag. Die Ausstellung in Gudrun Selz’ Galerie G ist aber vor allem auf das Freiburger Stadtjubiläum hin konzipiert und zeigt zum 900. Geburtstag der Stadt Ansichten, die sich – so der Titel – "Abseits vom Abbild" bewegen. Hier und da erkennt man in den Gemälden Gebäude, Plätze und die die Stadt durchfließende Dreisam. Zumindest meint man sie zu erkennen, denn Gierschs Freiburg-Veduten muten stets zugleich fremdartig an. Als hätte ein Kobold sie ins Traumsprachliche verändert. Weit eher als im Naturalismus ist Gierschs Malerei im Bereich von dessen Gegenpol angesiedelt.

Häufig wählt Giersch einen gleichsam gottgleich erhöhten Standpunkt. Von dort aus sieht man Gebäude ausdrucksstark monumental in die Höhe wachsen. Auch der Schwarzwald als landschaftlicher Hintergrund türmt sich in der Veränderung der Proportionen zum Hochgebirge auf. Gleichzeitig haben diese Stadtlandschaften die Anmutung des Modellbauartigen. Als blickte man auf eine Spielzeugwelt hinab: mit Brücken und Straßenzügen, Zügen oder Straßenbahnen.

Alles in Gierschs Bildern ist in Bewegung. Nicht umsonst wird die Dreisam häufig zum Motiv. "Garten von St. Lioba im März" zeigt das Kloster in eine expressiv auseinander driftende Landschaft gebettet. In "Graben und Durchfahrt in Günterstal" scheinen die schiefen Gebäude förmlich ins Flussbett zu gleiten; allenthalben der Eindruck des Instabilen, Schrägen, Zerfließenden. In "Garten in Günterstal" gleitet ein Zeppelin über die Szenerie. Selbst die steinerne Statue einer Frau in dem Bild scheint sich zu bewegen – so wie die Bäume in "Rückseite Villa Mitscherlich" (in der sich Gierschs Atelier befindet) mit den dürren Fingern des winterlich kahlen Geästs nach dem Vollmond zu greifen und die Wolken ihn wie Raubtiere zu jagen scheinen. Jürgen Gierschs Stadtansichten, so scheint es, sind immer auch die Gesichte des eigenen Inneren einbeschrieben.

depot.K
Allenthalben wirbelte das Coronavirus in den letzten Wochen die Ausstellungsprogramme durcheinander. Beim depot.K in Freiburg schaffte es der Erreger sogar in den Titel: Die Schau "depot.Korona" bietet Werke von 14 Mitgliedern des Vereins – eine eilig gezimmerte Präsentation als Notlösung mit Niveau. Der Beethoven mit Mundschutz im Schaufenster verdankt sich dem Umstand, dass sich das depot.K von Zeit zu Zeit in einen Konzertsaal verwandelt. Mit etwas Glück setzt sich während der Öffnungszeiten auch mal die Aufsicht ans Klavier.

Inhaltlich spannt der Parcours einen Bogen von der Urzeit bis ins Digitalzeitalter. Eins der schönen Wandreliefs in Muschelform und Mischtechnik von Julia Dorwarth hat den Titel "Fossil". Wohingegen Nothart Rohde künstliche Intelligenz aus einem Schaukasten äugen lässt – ein Werk mit unheimlicher Note ("KI", 2018). Hans Peter Friedrich erzählt mit dem Pinsel auf witzige Weise von einem betrunkenen Jugendlichen, während Daglef Seeger Einblicke in eine Geschirrspülmaschine oder Fensterblicke aufs Nachbargrundstück bietet. Ricardo Paladios surrealen Szenerien lassen Marcel Duchamps Fahrradrad malerisch durch die Lüfte gleiten oder Medusa mit dem Schlangenhaar wiederkehren. So wie Barbara Stumpps Cutout "Woge" gefällt das flirrende Spiegelbild von Bäumen im Wasser bei Stefan Bohl – eine Art Impressionismus, mit der Fotokamera gemalt.

Almut Quaas
Kunst, Musik und Wasser gehen auch bei Almut Quaas eine Verbindung ein. Ihre Bilder aus dem Freiburger Lorettobad, sind nicht neu, doch Wiedersehen macht hier Freude, auch wenn die ebenfalls im Rahmen des Stadtjubiläums geplante Ausstellung auf Frühling 2021 verschoben wurde und derzeit nur virtuell zu sehen ist: Zu den Klängen von Schuberts letzter Klaviersonate tauchen wie impressionistisch hingehauchte Szenen aus dem dem einzigen Damenfreibad Deutschlands auf.

Frauen und Mädchen, die entspannt über die Liegewiese schlendern oder im Gras liegen; die lesen, dösen, auf einer Bank von der Hektik des Alltags ausruhen. Nie rückt ihnen diese Malerei indiskret, gar voyeuristisch auf den Leib. Dezent wahrt sie Distanz und macht die Badenden zu Akteurinnen in einem ästhetischen Spiel. Und wenn die Sommersonne strahlend wie eine Gloriose durch die Wipfel der Bäume bricht, wohnt man einer Apotheose der Leichtigkeit des Seins bei.

Galerie G, Reichsgrafenstr. 10, Freiburg. Bis 24. Juli, Di bis Fr 14–18 Uhr.
depot.K, Lehener Str. 30, Freiburg. Bis 24. Mai, Di bis Fr 16–19 Uhr, Sa, So 14–17 Uhr;
Almut Quaas unter www.mehr.bz/quaas