Hitzewellen in der Arktis

Am Polarkreis brennt es – das hat schlimme Langzeitfolgen

Gerd Braune

Von Gerd Braune

So, 21. Juli 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Immer stärker sind Arktis und Subarktis von Hitzeperioden betroffen. Der Juni 2019 war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Das hat nicht nur Auswirkungen auf das Meereis.

Der Juni war nach Messungen der US-Klimabehörde NOAA der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 in der Arktis. In Alert, einer Militärbasis in der kanadischen Hohen Arktis, wurden vergangene Woche 21 Grad Celsius gemessen. "Das ist wirklich spektakulär", sagt David Phillips, Chef-Klimatologe des kanadischen Umweltministeriums. Denn das durchschnittliche Hoch für Alert liegt im Juli bei sieben Grad Celsius.

Damit war es 900 Kilometer südlich des Nordpols wärmer als in der, für ihr mildes Klima bekannten kanadischen Pazifikstadt Victoria. Die Hitzewelle in der Arktis würde einer Temperatur von 42 Grad in Toronto entsprechen, berechnete Phillips.

Die Polarkappen sind besonders vom Klimawandel betroffen

Die Messergebnisse in der Arktis sowie in der Antarktis, dem Südpolargebiet, unterstreichen Erkenntnisse der Klimaforscher, dass die Polarkappen außergewöhnlich stark von den Klimaveränderungen betroffen sind. Es gehört zu den nun gefestigten Kenntnissen, dass sich über der Arktis die Temperatur doppelt so stark erwärmt wie in anderen Regionen.

Dies bedeutet, dass selbst bei einer Beschränkung des Anstiegs der Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad Celsius, wie Klimaschutzvereinbarungen vorsehen, in der Arktis vielerorts die Temperaturen immer noch drei bis vier Grad steigen würden.

Es brennt immer mal wieder in der Subarktis – momentan aber besonders stark

Bei den Berichten über "brennende Wälder in der Arktis" muss allerdings genau hingesehen werden, welche Region betroffen ist – in der Arktis wachsen nämlich keine Wälder, sondern allenfalls Büsche. Die Baumgrenze teilt Arktis und Subarktis. Beobachtet wird in diesem Jahr, dass bereits sehr früh am Rande des Polargebiets Wälder brennen und direkt am Polarkreis Tundragebiete und Buschregionen in Flammen stehen.

Das gehört zum natürlichen Kreislauf, ist in diesem Jahr aber besonders ausgeprägt. Die Langzeitfolgen sind erheblich: Wenn der Boden brennt, ist davon auch der darunter liegende Permafrostboden betroffen. Er taut schneller auf und setzt Treibhausgase frei, die den Klimawandel beschleunigen. Von den Bränden sind Sibirien und Alaska in diesem Jahr stark betroffen. Hunderte kleinere und große Flächenbrände wurden am Polarkreis in Alaska gezählt, wo Rekordtemperaturen von 30 Grad Celsius herrschten.

Täglich gehen fast 100 000 Quadratkilometer Eis verloren

Wie die Klimaforscher der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration errechneten, lag im Juni die Durchschnittstemperatur über Land- und Ozeanflächen um 0,95 Grad Celsius über dem Durchschnittswert des 20. Jahrhunderts von 15,5 Grad. Zu den besonders betroffenen Regionen zählten der Norden Russlands und der Nordosten Kanadas, ungewöhnlich warm sei es aber auch in Zentral- und Osteuropa sowie in den südlichen Teilen Südamerikas – also näher an antarktischen Regionen – gewesen.

Laut des National Snow and Ice Data Centers in Boulder entspricht der Verlust an Meereisfläche in der ersten Julihälfte dem im Sommer 2012. Damals erreichte die Meereisfläche im September mit 3,4 Millionen Quadratkilometern die geringste jemals gemessene Fläche. Täglich gingen fast 100 000 Quadratkilometer verloren. Ob das Jahr 2019 einen neuen Minusrekord bringt, ist derzeit aber noch nicht abzuschätzen. Zuviel hängt von Meeresströmungen und aktuellen Wetterentwicklungen in der Arktis ab.

Auch die Gletscher schmelzen

Mehr noch beunruhigt die Forscher das Abschmelzen der Gletscher. Dies führt dem Meer zusätzliches Süßwasser zu, was nicht nur den Wasserspiegel erhöhen, sondern auch Meeresströmungen ändern könnte. Forscher ermittelten nun, dass es auch beim generellen Ansteigen des Meeresspiegels regional deutliche Unterschiede gibt. Nördlich von Grönland sowie in Kanada und Alaska sei das Meer in 22 Jahren um mehr als zehn Zentimeter und damit doppelt so viel wie in der Arktis insgesamt gestiegen. Entlang der Küste Grönlands dagegen sei er teilweise um mehr als fünf Millimeter pro Jahr gesunken.

Vor wenigen Wochen erregten Video-Aufnahmen aus Grönland Aufsehen: Schlittenhunde fuhren nicht über soliden Bodens, sondern durch einen See aus Meereis. "Die Arktis ist ein Hotspot des Klimawandels", sagt Florian Seitz von der Technischen Universität München. Oder wie es oft in der Arktis heißt: Die Arktis ist der "Kanarienvogel in der Kohlenmine".