... mit Sylvia Schliebe von der liberalen jüdischen Gemeinde in Freiburg

AM SYNAGOGENBRUNNEN: "Hier haben die Juden Feste gefeiert"

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Sa, 14. Dezember 2019

Südwest

Still liegt das Wasser im Brunnen, der an die Zerstörung der Freiburger Synagoge im Jahr 1938 erinnert. Die Wolken spiegeln sich darin. Ein paar Blätter schwimmen auf der leicht sich kräuselnden Wasseroberfläche. Ab und zu radeln Studenten vorbei. Niemand plantscht darin bei diesem kalten Herbstwetter, wenige Tage, bevor das Wasser für den Winter abgelassen wird. Bis auf ein paar Enten. An diesem Tag ist der Brunnen ein Ort der Erinnerung, wie es sich die jüdischen Gemeinden von Freiburg gewünscht haben. Auf einer Bank sitzt Sylvia Schliebe (59), blickt aufs Wasser und erzählt Annemarie Rösch, welche Bedeutung der Brunnen für sie hat.

"Schauen Sie, dort muss der Thoraschrein gestanden haben, indem die Thorarollen aufbewahrt werden", sagt sie und weist auf den Brunnen. Er zeigt die Konturen der Synagoge, die die Nationalsozialisten ausgelöscht haben. "Hier haben die Menschen einmal gelebt, ihre Feste gefeiert." Das Versöhnungsfest Jom Kippur, das Laubhüttenfest zum Erntedank, Pessach, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert, oder das Lichterfest Chanukka im Dezember. "Ob orthodox oder liberal, die Gebräuche sind in etwa bei allen Juden ähnlich. Deshalb kann ich mir das frühere Leben so gut vorstellen. Es gibt nicht nur die Schoah." Das ist das hebräische Wort für Holocaust. Sylvia Schliebe selbst ist im Vorstand der Liberalen Jüdischen Gemeinschaft Gescher.

So wie Sylvia Schliebe all das schildert, meint man die Menschen zu sehen, wie sie sich vor der Synagoge an den Feiertagen oder am Sabbat beglückwünscht haben. Oder wie sie gemeinsam gegessen, gesungen und am Laubhüttenfest ihre Hütten gebaut haben, die daran erinnern, in welch einfachen Behausungen die Israeliten bei ihrem Marsch durch die Wüste lebten. "Vor der Schoah war das jüdische Leben mitten in der Stadt", sagt Sylvia Schliebe. Touristen aus Asien studieren die Tafel, die die Synagoge vor ihrer Zerstörung zeigt: ein schlichtes Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert. "Die Gemeinde hier war eine liberale", erklärt Schliebe – eine also, die anders als die Orthodoxie davon ausgeht, dass die Offenbarung Gottes voranschreitet und die Texte der hebräischen Bibel deshalb zeitgemäß interpretiert werden können.

"Ich bin schon immer ein religiöser Mensch gewesen", erzählt Sylvia Schliebe, die in ihrer Jugend den Glauben aber nicht praktizierte. Die Sozialarbeiterin erzählt, dass sie nach ihrem Wegzug aus Oberschwaben in Frankfurt in der linken Szene unterwegs war. So arbeitete sie in einem autonomen Frauenhaus, beriet in den 1990er-Jahren Frauen, die vor dem Krieg und den Massakern der Serben gegen die Muslime in Bosnien entflohen waren. "In der linken Szene gab es viele Zwänge. Viele wollten nicht wahrhaben, dass der Sozialist Slobodan Milosevic Verbrechen beging. Obwohl wir durch unsere Arbeit mit den Frauen frühzeitig von den Internierungslagern für Muslime erfahren haben, verhinderten sie die Veröffentlichung der Informationen." Ihr missfiel das, sie fühlte sich unfrei, ihre Gedanken zu äußern.

Um ihren Hals trägt Sylvia Schliebe einen Anhänger mit einem hebräischen Schriftzug. "Chai", Leben, bedeutet das. "Das Judentum ist dem Leben zugewandt", sagt die Mutter dreier Kinder. Sie zitiert einen Bibelvers: "Wenn du ein Menschenleben rettest, dann ist es, als ob du die ganze Menschheit rettest. Und wenn du ein Menschenleben zerstörst, ist es, als ob du die ganze Menschheit zerstörst." Ein Satz, der auch Eingang in den Koran der Muslime gefunden hat. Wenn es gelte, das Leben zu erhalten, dürften im Judentum Gesetze gebrochen werden, sagt sie. Um zu überleben, dürfe man aber nicht morden.

Sylvia Schliebe befolgt die jüdischen Speisegesetze, die vorschreiben, dass Milchiges von Fleischigem getrennt werden soll. "Ich habe einen Kühlschrank für Fleischiges und einen für Milchiges", berichtet sie. Dasselbe gilt für das Geschirr. "Diese Trennung vergegenwärtigt uns, dass ein Tier getötet werden muss, um Fleisch zu essen." Man lebe so viel bewusster. Und noch etwas gefällt ihr am Judentum – auch als Sozialarbeiterin. "Es gibt eine jüdische Sozialethik", berichtet sie. "Schon in den Sprüchen der Väter wird zu Eigenverantwortung aufgerufen", sagt sie. Daraus habe sich im 19. Jahrhundert eine jüdische Sozialarbeit entwickelt. "Die Hilfe zur Selbsthilfe steht im Vordergrund." Wer Almosen gebe, solle dies nicht öffentlich tun. "Wir sollen keine Rechnung aufmachen."

Sich dem orthodoxen Judentum zuzuwenden, kam für Sylvia Schliebe nie in Frage. "Mir ist es wichtig, dass die Frauen im liberalen Judentum im Gottesdienst aus der Thora lesen dürfen", sagt sie. In orthodoxen Gemeinden ist das Frauen verboten. "Im jüdischen Feminismus leiten wir aus der Pflicht, das alle lernen sollen, das Recht ab, dass Frauen gleichberechtigt sind", berichtet sie. Entsetzt war sie bei einem Israel-Aufenthalt, mit welchem Fanatismus streng Orthodoxe zu verhindern suchten, dass liberale Jüdinnen am wichtigsten Heiligtum des Judentums, der Klagemauer in Jerusalem, öffentlich beten. "Manche haben den Frauen sogar den Tod gewünscht, obwohl doch im Judentum das Leben so im Vordergrund steht."

Am Gedenkbrunnen lesen inzwischen eine muslimische Frau mit Kopftuch und ihr Ehemann die Tafel über die zerstörte Synagoge. Sylvia Schliebe kommt mit ihnen ins Gespräch. Schnell sind sie sich einig, dass es Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam gibt. Von einer Sache will sich die jüdische Feministin aber nicht überzeugen lassen: dass Frauen sich das Haar bedecken sollten – was auch verheiratete, streng orthodoxe Jüdinnen tun.