Kulturelle Eigenheiten und Corona

ANGERISSEN: Franzose möchte man sein

Bertrand Gröger

Von Bertrand Gröger

Fr, 20. März 2020

Kultur

China: Atemmasken. Deutschland: Toilettenpapier. Amerika: Pistolen. Frankreich: Rotwein und Kondome. So hat jedes Land seine Vorlieben in Corona-Zeiten. Wir, der Jazzchor Freiburg, wurden vor ein paar Jahren mittels der Asian Arts Connection auf China-Tournee geschickt. Deren Chef meldete sich vor einigen Wochen bei uns und bat um die Zusendung von Atemmasken. Wir konnten tatsächlich 100 Stück auftreiben und schickten sie nach Shanghai. Als etwas später der Virus bei uns eingetroffen war, erhielt ich eine Nachricht von Roger Treece aus Los Angeles, mit dem wir gemeinsam mit Bobby McFerrin auf verschiedenen Bühnen zusammengearbeitet hatten. Er fragt: "Habt Ihr wirklich kein Toilettenpapier mehr?" Ich ging schnell in die nächste Drogerie, um nachzusehen. Da war noch welches. Ich habe gleich ein paar Rollen gekauft.

Nun hat Corona auch Amerika erreicht und mittlerweile hört man, dass dort die zehnfache Menge an Pistolen über den Ladentisch geht wie üblich. Weil man wohl die Einbrecher erschießen, zumindest aber davon abhalten will, einem das letzte Stück Brot zu klauen. Amerika ist weit weg, Frankreich nur 25 Kilometer entfernt. Nächste Woche wären wir mit der Geschäftsführung des Chores zu einer Agentur gefahren, die uns zukünftig Konzerte im Land organisieren will. Wir hätten als Gastgeschenk ein paar Flaschen Rotwein und eine Handvoll Kondome mitgebracht und vielleicht im Gegenzug Toilettenpapier erhalten. Leider wird aus dem Treffen nur eine Telefonkonferenz. Wenn also die Chinesen derzeit ihr Gesicht verhüllen, die Amerikaner sich erschießen, wir währenddessen auf der Toilette sitzen – wer wollte da nicht lieber Franzose sein?

Der Autor ist Leiter des Jazzchors Freiburg.